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Berlin - Spuren
Und nun, meine Damen und Herren, komme ich zum dritten und letzten Teil meines Vortrages über Höhepunkte der archäologischen Forschung im Jahre 3812. Gerade Sie als Mitglieder des archäologischen Freundeskreises von Spitzbergen wird interessieren, ob es denn auch im nahen Europa bedeutende Entdeckungen gab, nicht nur in den äquatorialen Wüsten aus denen meine ersten zwei Beispiele stammten. Nun, ich kann Ihnen in der Tat etwas Neues bieten, nämlich interessante Ergebnisse der Grabungen in Berlin.
Ich sehe, dass Sie von Berlin nur sehr unscharfe Vorstellungen haben - kein Wunder! Schließlich war die Stadt ja auch für mehr als 1000 Jahre vom Urwald überwachsen. In alten Dokumenten aus den Anfängen des 3. Jahrtausends wird die Stadt häufig erwähnt; aber in unserer Zeit kannten bis vor kurzem nur die Archäologen den Namen der im Sumpf versunkenen - und fast vergessenen - Ansiedlung.
Berlin galt zu seiner Blütezeit als ein Zentrum der Kultur und der politischen Macht in Europa, das ja bis ins 23. Jahrhundert seine Unabhängigkeit von China wahren konnte. Die Stadt wurde damals von vermutlich mehreren Millionen Menschen bewohnt. Sie war Hauptstadt des Regierungsbezirks Deutschland. Der weitaus größte Teil der arbeitenden Bevölkerung - damals noch eine zweistellige Prozentzahl der Gesamtbevölkerung! - waren Beamte, die in gewaltigen Hochhäusern ihrer sinnlosen, nach heutiger Auffassung sogar schädlichen Tätigkeit nachgingen. Wir besitzen Daguerrotypien aus jener Zeit - hier, ich zeige Ihnen ein paar Beispiele für die Termitenhügeln nicht unähnlichen Bauten wo jene Menschen arbeiteten [(;-)]. Zentrum der (meistenteils nur eingebildeten) Machtausübung war dieser gläserne Bienenkorb auf steinernem Sockel; „eingebildet“ deshalb, weil die wirkliche Macht bei den großen Banken lag. Naturgemäß war eine solche Stadt auch ein Zentrum der damals nur halblegalen Mafia, des Lobbyismus, der Prostitution; diese Gewerbe trugen zum Wohlstand der Stadt nicht unwesentlich bei.
Mitte/Ende des 21. Jahrhunderts begann der anthropogene Treibhauseffekt sich in Europa ernsthaft bemerkbar zu machen. Zum einen stiegen die Temperaturen an (ein Effekt dem wir letztlich die weltberühmten Palmenwälder Spitzbergens verdanken), zum anderen ergab sich eine ganz unerwartete Umverteilung der Regenfälle mit starken lokalen Unterschieden. Im alten Regierungsbezirk Frankreich bildete sich eine Wüste heraus, während Berlin in wochenlangen Regenfällen schier ertrank. Das feuchtheiße Klima machte den Aufenthalt in der Stadt zu einer endlosen Strapaze. Natürlich versuchte man ganze Straßenzüge zu überdachen - sehen Sie hier die alte Daguerrotypie! - ; natürlich erhielten alle Arbeitsräume der Beamten Klimaanlagen; natürlich errichtete man große Trockendome zur Erholung. Aber letztendlich gewann die Natur die Oberhand. Immer mehr Beamte verließen die Stadt, die „Regierung“ zog weg, damit verloren Mafia, Glücksspiel, Lobbyismus, Prostitution ihre Existenzgrundlage.... die Stadt begann auszusterben. Nur noch die Ärmsten der Armen, kleine Gauner und Außenseiter blieben dort. Hier die zwei letzten Daguerrotypien aus dieser Zeit: man erkennt den allgemeinen Verfall der Bauten, man erkennt wie der Urwald die Stadt überwuchert.
Um das damals berühmte Brandenburger Tor hat sich eine Sumpf gebildet, in dem es später versunken sein muss; jedenfalls haben wir es bis heute nicht lokalisieren können. Und hier noch: Wo einst die Kaskaden des Schlosses Sanssouci waren, haben die Wasser eine tiefe Schlucht gerissen in die wenig später auch das reizvolle alte Bauwerk gestürzt sein muss.
Hin und wieder versuchte ein Abenteurer sein Glück in der versinkenden Stadt. So betrieb man einige Jahrzehnte im Bereich der einstmaligen Siegessäule eine Krokodilfarm - das Leder war damals sehr begehrt - und eine Froschfarm: den durch Gen - Veränderung auf Schafgröße gebrachten Fröschen wurden die Beine abgeschnitten und als Delikatesse weltweit verkauft; der Rest wurde an die Krokodile verfüttert. Das lukrative Geschäft brach zusammen, als in Grönland die Zucht vierbeiniger Strauße gelang, die Leder und Fleisch in einem lieferten. Danach verfiel die Stadt dem Urwald und geriet in Vergessenheit.
Woher wir dies alles wissen? Teilweise aus dem Studium zeitgenössischer Quellen, von denen es doch einige gibt, teilweise aus Grabungsergebnissen. Denn Berlin wurde zufällig vor fünf Jahren wieder entdeckt, seit drei Jahren arbeiten Archäologen vor Ort. Sie haben so manches interessante Detail ans Licht gebracht. So wissen wir heute dass die Einwohner Berlins zwar zivilisatorisch weit fortgeschritten waren (für ihre Zeit, natürlich!), aber einer primitiven Religion anhingen: der schwarze Bär war ihr Totemtier, das sie immer wieder und wieder abbildeten. Wir haben viele Zeugnisse dafür gefunden ... hier, sehen Sie eine Auswahl!
Ein großer Glücksfall für uns Archäologen war die Entdeckung von Überresten jener Behörde, die im späten zweiten und frühen dritten Jahrtausend für alle Fragen des Umweltschutzes zuständig war, - wir könnten sie Umweltbundesamt nennen. Und was ein noch größerer Glücksfall war: in den Resten des Kellers fand sich fast das ganze Archiv, mit einer schier unendlichen Zahl von papierenen Dokumenten.
Sie verstehen mich nicht? Gut, ich erkläre das schnell. Es ist kaum dreihundert Jahre her, dass wir unseren Neugeborenen gleich nach der Geburt ein Cerebralhandy ins Gehirn einpflanzen. Damit tauschen wir unsere Gedanken, Gefühle, Visionen direkt über das D1-Feld aus, und können beliebige Mengen solcher Informationen dauerhaft im E-Feld speichern. Das ist uns so selbstverständlich geworden, dass wir uns gar nicht mehr eine andere Kommunikation zwischen Menschen vorstellen können. Zu der Zeit, die uns hier interessiert, kommunizierten die Menschen aber über akustische Signale - Laute - die sie mit Hilfe des Kehlkopfes modulierten. Wollten sie solchermaßen akustisch verschlüsselte Gedanken etc. dauerhaft aufbewahren, verschlüsselten sie die Laute noch einmal mit Zeichen und Symbolen, die sie auf Papier festhielten; später simulierten sie den Vorgang auch mit ihren primitiven Computern. Wenn mehrere Menschen sich unterhielten, muss das geklungen haben wie das Quieken und Grunzen in einer Schweinefarm, das selbst abgehärtete Züchter nur mit Antischall-Sperren im Ohr ertragen können.
Nun, papierene Dokumente der beschriebenen Art fanden sich - nach so langer Zeit noch lesbar! - in den Kellern jener Behörde. Wir haben sie mit einem Mark III-Analysator lesen und auswerten lassen, und haben daher ein überraschend klares Bild des Wirkens jener Behörde.
Ihre erklärte Aufgabe war es, Forschungen auf dem Gebiet des Umweltschutzes im weitesten Sinne durchführen zu lassen; alles Wissen auf diesem Gebiet zu sammeln und auszuwerten; die Öffentlichkeit aufzuklären; der Regierung die sachlichen Grundlagen für Entscheidungen auf diesem Gebiet zu liefern, ja, solche Entscheidungsprozesse zu initiieren wo nach der Sachlage nötig. Leider konnte sie diese Aufgabe nicht uneingeschränkt wahrnehmen (sonst hätte man die Klimaveränderungen vielleicht vermeiden könne, Berlin hätte nicht untergehen brauchen). Die wirkliche Macht lag eben nicht bei der nominellen Regierung, sondern bei der Großindustrie resp. den sie kontrollierenden Banken. Diese hatten natürlich Interesse nur an schnellen Gewinnen, setzten also allen Maßnahmen zum Umweltschutz offenen oder versteckten Widerstand entgegen. Die nominelle Regierung musste sich letztlich mit den wahren Machthabern arrangieren. Allzu klare Aussagen und Forderungen des Umweltbundesamtes waren daher unwillkommen, und wollte das Amt nicht völlig kaltgestellt werden und jeden auch noch so bescheidenen Einfluss verlieren, musste man alle Wahrheiten auf subtilste Weise verpacken. Solche diplomatische Feinfühligkeit ist vornehmlich ein Charaktermerkmal des weiblichen Geschlechtes, und so ist es nicht überraschend, dass vom Beginn des dritten Jahrtausends an vornehmlich Frauen das Amt des Präsidenten der fraglichen Behörde wahrnahmen.Uns interessiert hier die erste dieser Präsidentinnen. Ihr Name - ja, Ihnen ihren Namen zu nennen ist ein Problem! Als Namen wurden damals nur akustische Signale verwendet, die in der Regel keinen Sinninhalt hatten, so etwas kann ich Ihnen nicht im D1-Feld kommunizieren. Ich will Ihnen stattdessen vormachen, wie der Name der ersten Präsidentin geklungen haben muss - regeln Sie Ihre Antischall-Sperre herunter! - hier kommt es : „!!!!!!!! !!!!!!!!!!“. Ja, Sie haben recht, es klingt ganz grauenhaft, so als ob Hund, Esel und Schaf durcheinander schrieen! Dabei galt „!!!!!!“ damals als der schönste Frauenname überhaupt...... Nun gut, wir haben viele Dokumente der ersten Präsidentin gefunden. Ganz frühe Papiere über irgendwelche Detailfragen die bereits die ganze Feinfühligkeit und Diplomatie der Dame aufscheinen lassen; bis hin zu den Niederschriften großer öffentlicher Reden aus der Zeit ihrer Präsidentschaft, wahrer Meisterstück der Diplomatie verknüpft mit größter intellektueller Ehrlichkeit.
In den Archiven fand sich ein bestimmtes Dokument - Kodex 112323 - das wir uns jetzt näher anschauen wollen. Es ist nicht wissenschaftlicher, sondern künstlerischer [;-)] Art. Einer der primitiven Künstler jener Zeit hat Bilder gemalt und Geschichten darüber geschrieben, wie sich das Klima auf der Welt wohl entwickeln werde. Das Überraschende, das fast Unglaubliche daran ist, dass er nicht nur die Entwicklung Berlins exakt so vorhergesehen hat, wie ich sie Ihnen geschildert habe; er hat sogar die Auffindung des Kodex selbst vorhergesagt!
Was der Kodex mit der ersten Präsidentin zu tun hat? Nun, er muss aus Ihrem Besitz sein. Am Rand finden sich vielfach Bemerkungen in ihrer Handschrift (von Mark III unzweifelhaft identifiziert), wie etwa: “Quatsch!“, „So ein Blödsinn!“, aber auch ein mitleidiges „Armer alter Kerl!“, so als habe die Dame den Künstler gekannt. Die letzte Bemerkung weist auf einen freundlichen Charakter hin, wie er sich nicht oft mit einer brillanten Intelligenz paart. Ich blättere Ihnen jetzt das Hologramm des schmalen Bändchens auf ... die Schriftseiten sagen Ihnen nichts ....