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European Song Contest
In allen Farben des Regenbogens , schillernd, flammend, gleißend, zuckend, wabernd wie ein Nordlicht, in einem Farbschauer explodierend und sich wieder zusammenfindend, füllte die große Schrift den Hintergrund der Bühne: "European Song Contest 2073"
120 000 Zuschauer in der Halle, fünf Milliarden vor den heimischen Bildwänden oder den himmelhohen Laserbildern im Freien hatten den Triumph der Lordi-Revival-Band "The Aliens" miterlebt. Mit gewaltigem Vorsprung hatten sie ihre Konkurrenten hinter sich gelassen; nur von wenigen der beteiligten 55 europäischen Länder hatten sie weniger als "Twelve Points – Douze Point" erhalten.
Wie ihre Vorgänger "Lordi" waren sie für Finnland angetreten. In offensichtlicher Anlehnung an eben diese Vorgänger traten die Musiker in grausigen Verkleidungen auf. Besser aber als ihre Vorbilder hatten sie ihr Geheimnis bewahrt: Niemand konnte sich rühmen, je einen der namenlosen Musiker von Angesicht zu Angesicht gesehen zu haben. Aber ihre Musik dröhnte in allen Diskos, ihre Konzerte zogen ein Millionenpublikum an. Hatten ihre Vorgänger von 2006 Heavy-Metal-Rock geröhrt und gegrunzt, so hatten "The Aliens" einen völlig neuen Musikstil kreiert.
Jetzt sprangen die fünf Musiker in ihren schauerlichen Masken neuerlich auf die Bühne, um den Siegertitel "Beyond the Milky Way" noch einmal zu präsentieren. Die Menge im Saal begrüßte sie mit frenetischem Jubeln und Toben – um auf eine herrische Geste des Leadsängers augenblicklich zu verstummen, so dass man das sprichwörtliche Fallen einer Stecknadel gehört hätte (seinen wirklichen Namen kannte man nicht, die Medien nannten ihn in Erinnerung an 2006 "Lordi"). Fast unhörbar begann die Musik, wie aus den Tiefen des Alls stieg sie empor, formte sich zu Melodiebögen die den gesamten hörbaren Bereich durchmaßen, wanderte zwischen perlenden Stakkatos und hämmernden Bässen, wurde dabei lauter und lauter, um in einem ohrenzerreißenden, dröhnenden Schlag zu enden.
Die Menge im Saal johlte und pfiff und klatschte und trampelte, eine La-Ola-Welle lief durch das Oval der Zuschauer, keinen hielt es mehr auf den Sitzen, Teenies stürmten hysterisch kreischend nach vorne, Büstenhalter flogen auf die Bühne. "Aliens, wir lieben euch .. Aliens wir lieben euch .... Aliens wir lieben euch" skandierte die Menge.
Wieder gebot der überlebensgroße Leadsänger mit einer großen Geste Einhalt, der Chor der Zuschauer flüsterte nur noch sein "Aliens wir lieben euch .... "
Darüber erhob sich gewaltig die Stimme des Leadsängers:
"Menschen, wir danken euch. Wir freuen uns dass ihr uns liebt, obgleich wir so anders aussehen als ihr. Wir haben diese Verkleidung gewählt weil ihr so besser vorbereitet seid auf unser wahres Aussehen."
Die fünf Musiker ließen ihre Masken und Verkleidungen herabgleiten wie Wasser an einem Felsen herabläuft. Nackte, feuchtblau schimmernde Körper wurden sichtbar, rüsselartig ringelten sich Arme, gelbe Augen fixierten die Menge, zahnkranzumstandene Münder öffneten und schlossen sich rhythmisch.
Wie ein kollektives Zurückzucken lief eine Bewegung durch die Menge der Zuschauer, dann aber verharrten alle im riesigen Oval atemlos, versteinert in blankem Entsetzen.
Die Stimme des Leadsängers dröhnte:
"So wisset also, ihr seid nicht länger allein. Von jenseits der Milchstraße sind wir gekommen, als Botschafter der universalen Liebesgemeinschaft der musik-schaffenden Künstler. Wir freuen uns dass ihr uns und unsere Musik liebt. Ihr liebt uns, wir lieben euch. Liebe - überall im Universum ist Musik die Stimme der Lie....."
In diesem Augenblick begann eine Frau in der fünften Reihe zu schreien, und ihr Schrei übertönte die Stimme dessen der aus einer anderen Welt gekommen war um die Botschaft allumfassender Liebe zu verkünden.