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Ein ziemlich triviales Drama auf Mondbasis Alpha 3
Mondbasis Alpha 3 ist wohl der letzte Ort, den man als Hintergrund für eine romantische und hochdramatische Liebes- und Mordgeschichte wählen würde, und doch trug sich eine solche Geschichte im Jahre 2204 dort zu.
Von den 11 Mondbasen – Alpha 1 bis 7 und Beta 1 bis 4 – liegt Alpha 3 am weitesten von den anderen entfernt, sozusagen am Rande des Mondes, nämlich in der Nähe des Nordpols. Dort hat man sie im ewigen Schatten eines scharfen Kraterrandes errichtet. Ihre großen Druckkugeln sind halb in die Kraterwand versenkt, so dass sie nie ein Sonnenstrahl treffen kann. Das hat den Vorteil dass die Temperaturverhältnisse sich nur ganz wenig verändern, die Reaktoren also mit (fast) konstanter Last fahren können, und dass in der Struktur nicht durch jähe Temperaturwechsel jene Material- und Festigkeitsprobleme auftreten können, die bei Alpha 1 und Alpha 2 so viel Sorge gemacht haben.
Alpha 3 ist eine der ältesten Basen, ist aber technisch immer auf Stand gehalten worden. Insbesondere wurde und wird die Ausstattung mit den Systemen der künstlichen Intelligenz (AI = Artificial Intelligence) und der Intelligenzverstärkung (IA = Intel-ligence Amplification) stets auf der Höhe der Technik gehalten.
Die Besatzung der Station besteht aus 25 Personen Stammbesatzung und höchstens 15 Gastforschern. Die Aufgaben dieser maximal 40 Personen sind außerordentlich vielfältig und können nur mit Hilfe von AI und IA effizient erledigt werden. Die Rechner- und Serverzentrale ist wirklich das Gehirn der Station. Sie wird durch drei Informatiker von hohen Graden als Operatoren bedient; zwei solche Personen sind in das Drama verwickelt das sich binnen kurzem hier entfalten wird.
Zunächst aber die naheliegende Frage: Warum AI und IA? Würde nicht ein System ausreichen? Nun, die Erfahrung zeigt dass man unter Extrembedingungen wie auf Alpha 3 durch eine Verbindung der beiden Systeme die besten Ergebnisse erzielt, auch wenn beide auf das gleiche Wissensmaterial, die gleichen Ressourcen zurückgreifen.
Die Intelligenzverstärkung macht sich die Phantasie und das laterale Denken eines biologischen Gehirns zunutze. Und da die Verkopplung von IA-Server und Gehirn derart ist dass die Ressourcen im Hintergrund ganz unbewusst und spontan genutzt werden, identifiziert sich der Nutzer immer völlig mit dem Ergebnis seines Denkprozesses, da gibt es kein - in kritischen Situationen vielleicht gefährliches – Zögern. Und es ist eben auch unheimlich praktisch wenn man den Weg durch die dunkle zerklüftete Mondlandschaft immer weiß, ohne erst um Anweisungen bitten oder gar eine Karte studieren zu müssen, denn diese Karte steht per IA-Server ja dem Unterbewussten zur Verfügung!
Die künstliche Intelligenz hingegen muss bewusst befragt werden. Sie arbeitet selbst komplexeste Probleme mit vollkommener Logik ab, die für einen Menschen – selbst mit Intelligenzverstärkung – nicht immer nachvollziehbar ist. Die Ergebnisse sind durchaus zuverlässig, und doch: was man nicht nachvollziehen kann, damit kann man sich schwerlich voll und ganz identifizieren.
Die Aufgaben der Besatzung auf Alpha 3 sind so vielfältig und anspruchsvoll dass jedermann kontinuierlich und ganz selbstverständlich die Intelligenzverstärkung nutzt. Bei schwierigen und neuartigen Problemen hingegen zieht man die Künstliche Intelligenz zu Rate.
Die Künstliche Intelligenz war zum Zeitpunkt unserer Geschichte verkörpert durch eine Nano-Maschine der Bauart MS "Oracle", und als "Orakel" wurde sie denn auch angesprochen.
Der Server für die Intelligenzverstärkung war ein Standardmodell "Unibrain 12". Ein solches System ist in Hard- und Software vielfach redundant, und die redundanten Bauteile/Logiken sind nicht identisch damit sie nicht dem gleichen Fehler zum Opfer fallen können (sagt die Theorie jedenfalls; es gibt das schlimme Gegenbeispiel von Mars 2).
Die beiden Informatiker aus der Rechner- und Serverzentrale, um die es hier geht, waren der ruhige, ernsthafte Wang und der immer fröhliche, gesellige Charles Henri.
Wang war gleichzeitig mit der Geologin Claudine auf die Basis Alpha 3 gekommen. Die beiden waren ein Paar, das schon mehrere Jahre zusammenhielt, und die beiden liebten sich offensichtlich immer noch. Im Temperament waren sie sehr unterschiedlich: sie lebhaft, er eher ruhig, aber das schien ihrem Verhältnis keinen Abbruch zu tun. Claudine war eine sehr französische Schönheit mit starker Nase, dunklen Haaren, dunklen Augen, eher von kleiner Statur. Insofern passte sie gut zu dem ebenfalls kleinen Wang, dessen Äußeres die chinesischen Ahnen verriet. Wie es die Vorschriften vorsahen, bewohnten sie verschiedene Kabinen; über gegenseitige Besuche gab es keine Vorschriften.
Charles Henri kam ein Jahr später auf die Basis, und er kam allein. Vom ersten Augenblick schien klar dass er nicht sehr lange allein bleiben würde. Er war ein extrovertierter, südlicher Typ, ein echter "Latin Lover". Mit seinem blendenden Aussehen und seinem hinreißenden Charme würde es ihm ein Leichtes sein, eine der Damen auf der Station zu erobern. Sehr groß war die Auswahl auf Alpha 3 allerdings nicht. Nur 9 Personen auf der Basis waren im technischen Sinne Frauen, zwei davon lesbisch, und vom Rest kamen nach Alter und Erscheinung nur vier für einen Mann wie Charles Henri infrage. Claudine war mit Abstand die Weiblichste unter ihnen, und Charles Henri konzentrierte siegessicher sogleich seine Bemühungen auf sie, ohne jede Rücksichtnahme auf Wang.
Charles Henri gab auf alle Art und Weise der reizenden Claudine zu verstehen, dass sie die tollste Frau an Bord sei und den tollsten Mann – nämlich ihn selber – verdiene; dass er sie verehre wie noch nie einen Frau; dass sie doch zu ihm viel besser passe als zu dem langweiligen Wang. Aber er kam nicht recht voran, jedenfalls nicht schnell genug für seinen Geschmack. Da beschloss er sich seine fachlichen Fähigkeiten zunutze zu machen.
Für zwei der sechs redundanten Assoziationslogiken des Servers für die Intelligenzverstärkung war Charles Henri zuständig; kein anderer durfte darin etwas ändern, damit die dissimilare Redundanz erhalten blieb. Eine der Logiken wurde jeweils aktiv geschaltet; eine zweite lief zum Vergleich im Hintergrund. Die Auswahl traf der diensthabende Operator. Natürlich sollte er im Regelfall zwei Logiken unterschiedlicher Zuständigkeit wählen; diese Regel wurde aber häufig missachtet, und zwar wegen der zahlreichen Fehlalarme, welche die Entscheidung durch weitere Logiken und dazu das Herbeiholen des anderen Operators (oder gar beider anderen!) notwendig machten. Eine wirklich ernsthafte Diskrepanz war ja auch noch nie aufgetreten.
Charles Henri also manipulierte seine zwei Assoziationslogiken so dass Wang bei Claudine die Assoziationen "Ernst – langweilig – trübsinnig – unscheinbar – ohne Charme" auslöste, der Gedanke an ihn, Charles Henri selber aber mit den Assoziationen "Gut aussehend – unterhaltsam – aufmerksam – heiter – charmant – voll Lebensfreude" verknüpft war.
Wann immer Charles Henri als Operator Dienst tat, ließ er seine zwei Assoziationslogiken in der modifizierten Form laufen. Claudine sah dann ihren Wang mit sehr kritischen Augen an – welch eine trübe Tasse war das... was hatte sie nur an ihm gefunden? ...... während ihr Charles Henri im schönsten Licht erschien. Und, wenn körperlich präsent, war Charles Henri ohnehin der alles überstrahlende Verehrer.
Es kam wie es kommen sollte: Claudine verlor alle Gefühle für ihren langweiligen Wang und wechselte mit fliegenden Fahnen zu Charles Henri über.
Der Schlag war hart für den armen Wang. Er grübelte über sein Schicksal, begann an Selbstverachtung zu leiden, kam aber nicht darauf was eigentlich vorgegangen war. Das mag erstaunen – er war von Natur aus intelligent, und Intelligenzverstärkung stand ihm zur Verfügung. Aber starke Emotionen beeinträchtigen das Denkvermögen, und in Liebesdingen ist bekanntlich die natürliche Intelligenz regelmäßig stark herabgesetzt, da hilft dann auch Intelligenzverstärkung nicht, denn wo nichts ist kann man nichts verstärken!
Eines Tages saß Wang in der Kantine, kaute trübsinnig an seinem künstlichen Steak, und beobachtete über den Raum hinweg Claudine und Charles beim Turteln. "Ich versteh's nicht! Was hab ich denn falsch gemacht?!" murmelte er vor sich hin. "Dann frag doch mal Orakel!" warf eine Kollegin, eine mütterliche Physikerin ein, die mit ihm am Tisch saß. "Wenn man es überhaupt verstehen kann dann muss Orakel Dir helfen können!"
Bei der nächsten Gelegenheit befragte Wang die Künstliche Intelligenz "unter vier Augen". Orakel ließ sich alles in größter Detailtreue erzählen und stellte viele Zusatzfragen. Offenbar suchte er nach verborgenen Mustern in den zwischenmenschlichen Beziehungen.
"Ist es richtig" fragte Orakel schließlich, "dass in der Anfangszeit Claudine sehr wechselhaft war – einmal ganz normal und liebevoll, zu anderen Zeiten schien sie nur an Charles Henri zu denken?"
"Richtig!" bestätigte Wang.
"Ist es richtig dass diese Stimmungen jeden Tag genau einmal wechselten?"
"In der Regel – ja. Abends – früher unsere schönste Stunde - war sie unerträglich, ich konnte kaum einschlafen. Am 4.Juli aber war es besonders schlimm, da schien sie morgens und abends nur an Charles Henri zu denken, dazwischen war sie – fast – normal."
"Ich habe die Dienstpläne überprüft und gefunden dass Charles Henri regelmäßig abends Dienst hatte, am 4.Juli aber morgens und abends, da hatte er also vom 3. auf den 4.Juli 16 Stunden Dienst am Stück?!?"
"Das hat mit dem Senioritätsprinzip zu tun, so wie es hier gehandhabt wird. Als Dienstjüngster der drei Operatoren hat er die nächtliche Wache. Und am 4.Juli, unserem Unabhängigkeitstag, muss er die Wache des Dienstältesten zusätzlich übernehmen, das bin ich."
"Offenbar gibt es eine Korrelation zwischen den Dienstzeiten von Charles Henri und dem Verhalten von Claudine. Ich empfehle zu überprüfen ob Charles Henri in die Logiken der Intelligenzverstärkung eingegriffen hat. Ich habe dazu keinen Zugang.""Danke, Orakel!"
Und Wang überprüfte Charles Henri's Logiken, die zwar schreibgeschützt aber einsehbar waren, und fand Spuren der Manipulation. Jetzt konnte er sich alles zusammenreimen. Trauer und Selbstzweifel wandelten sich in Wut und Hass auf den Nebenbuhler und er beschloss es dem Schurken heimzuzahlen.
Fast alle Besatzungsmitglieder von Alpha 3 machten in ihrer Freizeit Exkursionen in die Umgebung der Basis um Mondglas zu suchen, beim Aufprall eines Meteoriten geschmolzenes Gestein; hatte jemand eine ergiebige Stelle gefunden, so hielt er sie geheim wie ein Pilzsammler seine guten Stellen in den Wäldern der Erde. Das Gelände war extrem zerklüftet und unübersichtlich, und lag ewig im tiefen Schatten, aber man hatte ja durch die Intelligenzverstärkung Zugang zur lokalen Mondkarte – man wusste ohne Nachdenken wo man war und wie man gehen musste um zur Basis zurückzugehen. Auch Charles Henri hatte Gefallen an diesem Sammeln gefunden und zog häufig alleine los, wenn Claudine durch ihre Arbeit unabkömmlich war.
Am 27.August des Jahres 2204 verabschiedete Charles Henri sich mit demonstrativem Geknutsche von Claudine zum Mondglassammeln. Wang, der gerade seine Wache als Operator antrat, beobachtete den Vorgang. Er ließ zwei Stunden vergehen in der Annahme, Charles Henri werde sich immer weiter von der Mondbasis entfernen, und drehte dann in seinen beiden Logiken die lokale Mondkarte um 90°. Nach fünf ereignislosen Stunden machte er seine Manipulation rückgängig.
Charles Henri kehrte an diesem Tage nicht zurück. Eine Suchexpedition fand den Toten am nächsten Tag am Grunde einer tiefen Spalte. Diese Spalte war in der Mondkarte mit einer gebührenden Warnung versehen – niemand konnte begreifen wie Charles Henri da hatte hineinstürzen können.
Wang musste sich mit dem dritten Operator jetzt die Arbeit teilen. Dadurch bekam er auch Zugriff auf eine der beiden Logiken des Toten. Er manipulierte diese und seine eigenen Logiken um Claudine möglichst schnell umzupolen. Sie konnte gar nicht mehr verstehen was sie an dem Angeber und Schönling Charles Henri gefunden hatte, der so dumm gewesen war dass er in eine Spalte zu stürzte. Wang dagegen ... Sie kehrte reumütig zu Wang zurück. Der aber beseitigte alle Spuren der Manipulationen.
Nachwort
Der geneigte Leser empfindet für Wang sicherlich mehr Sympathie als für Charles Henri. So könnte man sagen die Geschichte habe ein Happy End: Der Schurke ist bestraft und die Liebenden sind wieder vereint.
Leider hatte die Sache noch ein Nachspiel, 20 Jahre später. Da war aus Claudine eine zänkische Furie geworden. Der so ruhige und beherrschte Wang verlor eines Tages die Nerven, griff sich einen ihrer Geologenhämmer und schlug ihr damit den Schädel ein. Dem Untersuchungsrichter gestand er auch gleich noch – nun denn, sprechen wir es aus: - den Mord an Charles Henri. Seinem Verteidiger aber gelang es, ihn dieses Geständnis wiederrufen zu lassen; Beweise gab es längst nicht mehr da die Rechner, auch Orakel, durch modernere Einheiten ersetzt worden waren. So blieb es bei einer Verurteilung wegen des Totschlages von Claudine, begangen im Affekt. Wang musste für fünf Jahre in eine fortschrittliche Haftanstalt auf der Erde wo der Server für die Intelligenzverstärkung ein besonderes Programm für die Resozialisierung von Gewalttätern fuhr. Nach der Verbüßung seiner Strafe soll er irgendwo in Europa einen China-Imbiss aufgemacht und mit einer dicken Köchin noch viele Jahre glücklich zusammengelebt haben.