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Fünen rund
 
 
"Auf einem Segelboot vergeht die Zeit anders!" sagte einmal eine Freundin zu mir, und ich kann es bestätigen.

Seitdem ich nicht mehr arbeiten muss, segle ich im Frühjahr über die Kieler Bucht nach Marstal, nach Bagenkop oder nach Spodsbjerg, um dann den ganzen Sommer in dänischen Fahrwassern zu verbringen. Ich besuche alle die kleinen Inseln der "Dänischen Südsee", wie man die Gewässer südlich Fünens auch nennt; ich gehe den Kleinen oder den Großen Belt nach Norden, besuche die Fjorde Jütlands; lasse  Samsö und Ebeltoft keinesfalls aus; treibe mich im Smalands-Fahrwasser herum, steuere Roskilde-Fjord und Öresund an; besuche Mön....

So ein Sommer erscheint endlos. Wenn man viel Zeit hat, dann kann man die beste Wetterlage für eine bestimmte Strecke abwarten, kann gelassen auch einmal mehrere Tage "eingeweht" in einem kleinen Hafen verbringen. Man hat immer ein Ziel, aber man ist auch immer schon angekommen. Wo immer man festmacht, im Mutterbauch seiner Yacht ist man zu Hause. Jeder Tag ist anders, und doch gleichen sich die Tage. Der Begriff "Zeit" verliert seinen Sinn – "Ewigkeit" könnte so aussehen....

Marstal

Im Jahre 2003 war Marstal auf Ärö nicht mein erstes Ziel, erst nach ein paar Wochen machte ich dort fest. Dabei ist Marstal für mich ein besonders schöner Ort. Der große Hafen mit den vielen Yachten,  mit den Grillplätzen und dem Gelärme der spielenden Kinder, aber auch mit bedächtigen Fischern beim Netzeflicken und  mit emsigem Werftbetrieb; die engen Gassen mit den bunten Häusern, die Stockrosen vor der Tür, Spiegel am Fenster; die aufmerksam blickenden Porzellanhunde hinter den Fensterscheiben (wissen Sie was man sich darüber erzählt?); die kleine Bäckerei; das ausgebleichte Tuborg-Plakat mit dem schwitzenden Mann; die alte Kirche mit den kunstvollen Schiffsmodellen unter der Decke; auf dem Friedhof der Grabstein "Hier liegt Christen Hansen vor Anker mit seiner Frau. Er geht nicht eher ankerauf, bevor er  vor den Thron Gottes kommt" ..... Ja, hier in Marstal scheint die Zeit wirklich stillzustehen.

Frohgemut machte ich mich auf meinen Streifzug, kaufte bei Super-Brugsen Giraf-Bier und Fruchtjoghurt und was ich sonst noch zur Ergänzung der Bordvorräte brauchte.

Als ich zum Hafen zurückkam, war die Box neben mir belegt. Ein altes rotes Folkeboot hatte da festgemacht. Solche Boote werden häufig von jungen Leuten gesegelt, weil sie zwar wunderbare Segelmaschinen aber arm an Komfort sind; oder aber es sind ganz alte Männer die glauben dass die Zeit stillsteht solange sie ihr altes Boot segeln können. Hier aber war es ein Mann von höchstens sechzig Jahre, nicht groß doch von kräftiger Statur, der mächtige Schädel von unordentlichen grauen Locken umweht.

Ich grüßte auf Dänisch, er antwortete auf deutsch. Wir wechselten die üblichen Höflichkeitsfragen nach Woher und Wohin und gerieten unversehens in ein lebhaftes Gespräch. Der Mann hieß Anders Andersen. Er  sprach gut Deutsch, hatte in Göttingen Physik studiert, war dann nach Princeton gegangen, aber schon lange zurück in Dänemark. Er kannte deutsche Art,  siezte mich entgegen dänischer Gewohnheit, und dabei blieben wir.

Ich lobte das Fahrtensegeln:
 
"Irgendwie vergeht beim Segeln die Zeit anders. Wenn man keine festen Termine und Ziele hat, dann ist das Gefühl ganz stark, dass man von einem breit und ruhig fließenden Strom mitgetragen wird."

"Ja, das Bild vom Strom scheint sich allen Menschen aufzudrängen" entgegnete er, die hellen Augen nachdenklich auf mich gerichtet. "Eigentlich ein erstaunlich gutes Bild wenn man bedenkt, wie wenig wir gewöhnlich von der Zeit verstehen."

"Verstehen Sie mehr davon? Wenn Sie die Qualität des Bildes beurteilen können, dann müssen Sie ein überlegenes Wissen besitzen."

Er ignorierte die leise Ironie in meiner Bemerkung, zögerte einen Moment, nickte dann bestätigend:
"Ja, ich erforsche die Zeit."

"Wie interessant! Theoretisch oder experimentell – kann man da überhaupt Experimente machen?"

"Zunächst einmal theoretisch. Verstehen Sie etwas von Mathematik? Nein, schade. Dann kann ich nur sagen, dass ich die Allgemeine Relativitätstheorie Einsteins mit der Quantentheorie verknüpft habe. Feynmanns Transaktionsanalyse ergibt dann, wenn man sie nach dem Theorem meines guten alten Freundes Vitali Dedesh in St. Peterburg modifiziert, die Feinstruktur der Raumzeit."

Ich starrte ihn verständnislos an. Er bemerkte es und schloss seinen Vortrag:
"Also, wenn man ein wenig Mathematik beherrscht, dann kann man durch einen Satz nicht-trivialer Differentialgleichungen die Feindynamik der Zeit beschreiben."

"Dynamik der Zeit?! Kann denn die Zeit wirklich verschieden ablaufen? Was heißt Dynamik der Zeit?"

"Denken Sie an das Bild vom Strom. Die Gleichungen haben tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit den Euler'schen Gleichungen für die Strömung von Flüssigkeiten. Daher funktioniert auch das Bild vom Strom so gut.
Ein Strom fließt doch nicht gleichmäßig. Er kann langsamer oder schneller sein. Schon die Allgemeine Relativitätstheorie sagt uns – und es ist seit langem experimentell nachgewiesen – dass große Massen den Fluss der Zeit ebenso langsamer machen wie hohe Geschwindigkeiten relativ zur Gesamtmasse des Universums. Das sind bekannte Unregelmäßigkeiten im Strom der Zeit. In aller Bescheidenheit: meine eigene Theorie sagt sie nicht nur richtig voraus, sie macht auch die innere Dynamik erkennbar. Diese Dynamik ist – wie soll ich sagen? – erstaunlich empfindlich. Wie ein chaotisches System mit einer unendlichen Zahl Seltsamer Attraktoren ..... schade " (er hatte das blanke Unverständnis in meinem Gesicht bemerkt) "aber ohne Mathematik kann ich es Ihnen nicht erklären. "

"Das ist nicht so schlimm, aber mich interessieren die Konsequenzen: Wenn der Zeitstrom so empfindlich ist, kann man ihn beeinflussen? Kann man ihn vielleicht sogar umkehren und sich in die Vergangenheit zurücktragen lassen?"

"Ja –nein. Ja – man kann ihn beeinflussen. Nein – die Reise in die Vergangenheit funktioniert nicht, dem steht die Kausal-Logik entgegen. Der breite Strom ist nicht umkehrbar, das wird erst im "Big Crunch" des Universums geschehen – vielleicht – ich bin da nicht ganz sicher was in einer solchen Singularität passiert. Aber: man kann sozusagen lokale Störungen verursachen. Denken Sie  wieder an das Bild vom Strom. Als Segler haben Sie doch sicher schon bemerkt sich auf einem Fluss manchmal große Wirbel bilden – ohne eine erkennbare Ursache. Wirbel in der Zeit müsste – muss! - es auch geben, man muss sie sogar mit geringem Aufwand auslösen können."

"Phantastisch! Könnte man in einen solchen Wirbel hineingeraten? Was würde man erleben? Würde man zum Ausgangspunkt zurückgetragen werden?"

Er beantwortete nur meine zweite Frage:

"Nicht ganz, aber wohl sehr sehr nahe. Auf jeden Fall sollte man sich mit dem Wirbel  bewegen, keinesfalls gegenan gehen wollen. Ich weiß auch nicht, ob man sich hinterher an etwas erinnern kann.... jedenfalls wäre die Erinnerung ohne jede Wirkung auf die Gegenwart (das Wort im alltäglichen Sinne gebraucht) ......... sonst wäre es ja, von der Zukunft her gesehen, eine Reise in die Vergangenheit die aus Gründen der Kausallogik unmöglich ist....."

Wir schwiegen einen Augenblick, dann nahm ich einen anderen Faden wieder auf:
"Sie haben die Möglichkeit von Experimenten angedeutet. Machen Sie  Versuche mit der Zeit?"

Er sah mich prüfend an bevor er antwortete:

"Ja. In meinem kleinen Labor in der Nähe von  Odense – kennen Sie Odense im Zentrum Fünens? Die Stadt des Hans Christian Andersen? Ein ganz weitläufiger Verwandter, übrigens. Dort im Labor läuft jetzt gerade ein Experiment."

"Und Sie sind hier?"

Er schien sich zu einem Scherz zu zwingen:

"Es ist nicht gut im Zentrum eines Wirbels zu sein, dort wird einem leicht schwindelig."

Damit war das Gespräch zu Ende. Er fragte noch: "Wohin wollen Sie morgen?"

"Lohals . In den nächsten Tagen nach Nyborg, Kerteminde, um Fyns Hoved und mal wieder im Korshavn ankern , Bogense....... vielleicht wirklich mal wieder Fünen rund...."

"Nach Norden ..... Fünen rund. Ja das ist gut. Machen Sie das! Ich werde auch nach Norden gehen. Vielleicht sehen wir uns wieder."

" Pa gensyn!" brachte ich mein gar nicht so schlechtes Dänisch an.

Er lachte und nickte.

Lohals

Am anderen Morgen war das Folkeboot verschwunden. Dabei ließ ich schon um  5 Uhr den Wecker klingeln, denn ich wollte trotz des voraussichtlich schwachen Windes ein gutes Stück nach Norden vorankommen.

Punkt 6:00 Uhr warf ich die Leinen los, notierte die Zeit im Bordbuch unter dem 15.Juli 2003. Auf der freien Wasserfläche bei der Werft Thomsen & Thomsen A/S packte ich die Fender weg und setzte Segel. Die Werftleute waren schon bei der Arbeit: Ein großes chinesisches Restaurantschiff lag am Ausrüstungskai, man war dabei den riesigen Drachenkopf zu montieren. Das große bunte Tier schien mich aufmerksam mit seinen Glotzaugen zu beobachten. Nun ja, in China bringen Drachen Glück....

Der Wind war wirklich schwach aus südlicher Richtung, aber unter der großen Genoa kam ich gut voran. Für kurze Zeit glaubte ich weit voraus bei Strynö die Segel des Folkebootes zu erkennen, aber das war wohl eine Täuschung. Strynö zog an Backbord an mir vorüber, Rudköbing an Steuerbord (es lief ein Schiebestrom in der Fahrrinne), dann die Zufahrt zum Svendborgsund wieder an Backbord.
Es wurde ein heißer Tag. Der Himmel war blassblau. Und er flimmerte. Am stärksten flimmerte er im Norden. Nicht wenn man scharf hinsah; aber wenn man den Himmel aus den Augenwinkeln beobachtete, dann sah man strahlende Linien wie Interferenzmuster im Norden den Himmel hochlaufen und im Süden verschwinden – schnell, sehr schnell, so dass man das Muster gar nicht genau feststellen konnte, eigentlich nur Bewegung sah. Dergleichen hatte ich noch nie erlebt, und ich machte mir Sorgen es könne womöglich an meinem Kreislauf liegen. Aber ich fühlte mich doch ganz wohl!

Die Luft schien klar zu sein, aber es musste in Wirklichkeit ganz schön diesig sein: Immer wieder tauchten andere Segler wie aus dem Nichts auf und verschwanden wieder. Zwischen Langeland und Fünen läuft ein Mittelgrund, ein Riff, und weiter noch ein paar Meilen über die Nordspitze von Langeland hinaus. Darauf hatte man neue Windkraftwerke errichtet, die gab es bei meiner letzten Fahrt noch nicht. Ein riesiger Rotor nach dem anderen tauchte plötzlich auf, als schösse er aus dem Wasser, als materialisiere er sich aus der diesigen Luft. Auch auf Langeland selbst – und genauso drüben auf Fünen -  waren viele neue Windkraftwerke zu sehen. Dänemark musste in ein paar Monaten einen riesigen Schritt zur Versorgung mit sauberer Energie getan haben. Wenn sie auch noch das Problem der Energiespeicherung gelöst hatten .... vielleicht waren die riesigen glänzenden Kugel – auch die waren ganz neu! -  ja die Wasserstoffspeicher, die mir ein verrückter Ingenieur einmal  so angepriesen hatte?

Und noch etwas fiel mir auf: von Langeland dröhnten dumpfe Urwaldtrommeln herüber. So klang es jedenfalls – ich konnte mir das Geräusch nicht erklären.

Hinter den Windkraftwerken, auf Langeland, wurden schließlich der Ort Lohals sichtbar, immer beliebt bei den Seglern. Und richtig fehlten hier zwei Rotoren in der langen Reihe, und wo früher ein kleines Tonnenpaar die Durchfahrt durch das Riff markiert hatte, erhoben sich jetzt zwei große Baken mit riesigen Schildern: "Besuche Lohals die Stadt der Glücklichen!" (natürlich auf Dänisch!). Ich beschloss es für heute gut sein zu lassen, war auch neugierig geworden, und steuerte Lohals an. Die Trommeln wurden lauter, dazu kam rhythmischer Gesang. Zwei große Feuer, von Menschen umtanzt,  flammten neben dem Hafen, da wo im letzten Jahr die Pölsergrille der Dänen geraucht hatten. Irgendetwas stimmte hier nicht – Unbehagen kroch in mir hoch.

Als ich mein Schiff in eine der vielen freien Boxen steuerte (Freie Boxen zur Auswahl! In der Hochsaison!), da stand am Steg ein riesiger Neger, mit Rastalocken und Perlenschnüren geschmückt, angetan mit einem bunt gemusterten Lendenschurz, der strahlte mich an mit dem breitesten Grinsen das ich je gesehen hatte, und rief mir ein fröhliches "Willkommen, Mann! Wir haben auf Euch gewartet!" entgegen.  Man findet ja als Einhandsegler fast immer einen freundlichen Helfer am Steg, aber so war ich noch nie begrüßt worden.

"Auf mich gewartet???" staunte ich.

"Ja, viele Jahre, eine lange Zeit! Lasst Euer Boot nur ruhig offen liegen, hier in Lohals wird nicht gestohlen. "

Das mochte man nun glauben oder nicht, ich klarte ganz normal auf und verschloss den Niedergang, um dann dem fröhlichen Rastamann zu folgen, der mich zu  "seinem Häuptling" bringen wollte.

Lohals war noch im letzten Jahr ein kleiner Ort mit wenigen Häusern; jetzt gab es viel mehr schmucke Häuschen in den buntesten Farben, und am Ortsrand erhoben sich mehrstöckige Neubauten, an deren Farbenfreude und Formphantasie der gute Hundertwasser seine Freude gehabt hätte. Wie konnte man so schnell so viel bauen?!

Auf dem Weg durch Lohals trafen wir mehr Schwarze als Weiße. Weiße und schwarze Männer, weiße und schwarze Frauen, bummelten verliebt Hand-in-Hand oder schoben gemeinsam Kinderwagen. Bisweilen sah man auch einen Mann und eine Frau zusammen, die offenbar ein Paar bildeten.  Mir schwirrte der Kopf. Was zum Teufel war in Lohals los? Ein großes gesellschaftliches Experiment? Ein neues Christiania?

Etwas außerhalb des Ortes betraten wir einen Kral mit einem Dutzend runder Hütten.  Vor der größten Hütte, im Schatten einiger Palmen, hatte sich eine Gruppe Schwarze versammelt, Männlein wie Weiblein im Lendenschurz. In ihrer Mitte saß, reich geschmückt und mit einem großen Zepter, unverkennbar der Häuptling.

Mein Begleiter schob mich vor. Ganz automatisch verbeugte ich mich vor dem Häuptling und grüßte dann mit "God dag!", denn "Dav!" oder "Hij!" schien mir der Würde des Häuptlings nicht angemessen. Die Neger im Kreis wollten sich ausschütteln vor Lachen, doch der Häuptling gebot mit einer Handbewegung Ruhe, hieß mich aufs herzlichste willkommen (sein Dänisch klang etwas ungewohnt, aber Dänisch klingt schließlich immer etwas abartig), und sprach dann die bedeutungsvollen Worte:

"Wir haben lange auf Euch gewartet. Als ich noch ein junger Mann war – es muss jetzt bald 70 Jahre her sein – da besuchte uns hier ein gewisser Anders Andersen und kündigte Euren Besuch an. Ganz genau beschrieb er Euer Boot mit seiner fröhlichen Bemalung!"

Ich stand wie vor den Kopf geschlagen – mir ahnte zum erstenmale die Wahrheit – schließlich stammelte ich:

"A-A-Andersen! Vor 70 Jahren! Um Gottes willen, in welchem Jahr sind wir?!"

"Der offizielle Kalender sagt, wir schreiben das Jahr 2152."

"2152 – 2152 – 2152" – ich sprach es mechanisch nach.

"Ihr seid, wie Andersen, im Jahre 2003 losgefahren? Von Marstal?"

"Ja .... ja!  2152 – 2152 !"

"Nehmt Platz in unserem Kreis, greift zu – Ihr müsst nach der langen Fahrt hungrig sein!"

Er reichte mir eine große Kalebasse, offenbar den Begrüßungstrunk. Ich nahm einen tiefen Schluck – einen Schnaps, ja den konnte ich jetzt gebrauchen! Und auch bei den lockenden Früchten und duftenden Fleischspießchen, auf Bananenblättern angerichtet, griff ich zu.

"Ihr habt sicherlich viele Fragen," fuhr der Häuptling fort und nahm seinerseits einen kräftigen Schluck. "Mein Sohn hier wird Euch erst einmal einen Überblick geben. Er studiert Geschichte."

Der hochgewachsene junge Mann rückte neben seinem Vater nach vorn, machte ein paar freundliche Bemerkungen wie glücklich er sei jemand aus der Vergangenheit zu treffen der ihm sicher viele Fragen beantworten könne, und begann dann seine Erklärungen, die kurz gefasst etwa so lauteten:

"Im 20. und 21. Jahrhundert haben die großen Industrienationen der nördlichen Erdhalbkugel soviel Kohle, Erdöl und Erdgas verbrannt, dass die Atmosphäre mit Kohlendioxid angereichert, eine nachhaltige Erwärmung der Erde verursacht und eine dramatische Verschiebung der Klimazonen ausgelöst wurde. Der Effekt wurde durch positive Rückkopplungen über die Erwartungen der warnenden Wissenschaftler hinaus verstärkt: Der zuvor ewig gefrorenen Boden der nördlichsten Regionen gab, auftauend, große Mengen Methan frei; das sich erwärmende Meer verlor an Fähigkeit Kohlendioxid zu speichern; ein breiter Gürtel beiderseits des Äquators verlor gänzlich seine Pflanzendecke. Die nördlichen Länder profitierten – Ihr seht selbst wie wunderbar warm es hier ist – zieht ruhig Euer Hemd aus! Durch die Ausbreitung der Äquatorwüsten verloren unzählige Menschen ihre Existenzgrundlage. Im Süden bieten die Erdteile wenig Land, so drängten die hungernden Menschenmassen nach Norden. Eine Völkerwanderung nie gekannten Ausmaßes setzte ein. Die USA wollten die vordringenden Brasilianer und Mexikaner stoppen indem sie innerhalb von 24 Stunden mit einer Kette von Atombomben eine Todeszone quer durch den nordamerikanischen Kontinent legten, doch eine unvorhergesehene Änderung der Wetterlage führte über Wochen große Mengen radioaktiven Materials in den Norden, was einem Drittel der eigenen Bevölkerung einen schrecklichen Tod brachte. Das war das Ende aller Versuche die Völkerwanderung zu stoppen. Der Schock war so groß dass das Wunder geschah: die Gelder für Rüstung und Militär wurden in Wissenschaft und Forschung gesteckt und es gelang – nach einer sehr schwierigen Übergangszeit – den Norden so fruchtbar, die Energiewirtschaft so umweltfreundlich, die industrielle Produktion so effizient zu machen, dass der Norden alle Menschen aus dem Süden aufnehmen konnte.  Unser Stamm, der lange unter schlimmen Bedingungen herumgewandert war, fand schließlich eine neue Heimat hier auf Langeland. Jetzt aber trinkt erst einmal wieder, ehe ich mit meinem Vortrag fortfahre", und er reichte die Kalebasse herüber.

Ich tat wie geheißen, äußerte mein ungeheucheltes Erstaunen über den historischen Abriss, und bat fortzufahren.

"Die schreckliche Zeit der Völkerwanderung hat uns – hat die ganze Menschheit – letztlich in eine Art Paradies geführt. 90% aller Arbeiten überhaupt werden heute von Industrie- und Management-Robotern ausgeführt, so dass die Menschen frei sind für Kunst, Wissenschaft, Philosophie, Religion, oder ganz schlicht: für den Genuss des Lebens. Niemand muss mehr arbeiten um zu leben  - alle Güter sind frei. Die schmerzlichen Krankheiten sind ausgerottet; wir leben bis wir müde sind und sterben schmerzlos.

Jeder Mensch hat das Recht auf genau ein Kind. Das  Recht ist nicht übertragbar, und weil viele kein Kind wollen, nimmt die Menschheit langsam ab – ein gewollter Effekt, denn 18 Milliarden kann die Erde auf Dauer nicht tragen, wir müssen runter auf zwei Milliarden. Übrigens müssen die Frauen die Kinder nicht mehr austragen, die Kinder wachsen im Inkubator heran. Auch ist es gelungen, Kinder zu klonen, und wir können auch Kinder aus zwei männlichen oder zwei weiblichen Keimzellen heranziehen – darum seht Ihr wenigstens so viele schwule und lesbische Paare mit Kindern wie Paare von Mann und Frau.

Im übrigen kann jeder seinen Lebensstil ganz frei wählen, so lange er andere nicht schädigt. Unser Stamm hat gewählt hier auf Langeland zu leben, wie einst unsere Ahnen in Afrika – mein Vater ist unser Häuptling!"

Er verbeugte sich tief, und ich folge (wie alle anderen im Kreis) seinem Beispiel, erlaubte mir jedoch eine Zwischenfrage:

"Wie kommt es unter diesen Umständen, dass Ihr selbst Geschichtswissenschaft studiert?"

"Nun, wir haben erkannt dass ein Stamm wie wir Experten auf ein paar wichtigen Gebieten besitzen sollte: einen Juristen, einen Ökologen, einen Historiker...  Denn leider ist dieses unser Paradies nicht ganz vollkommen, bisweilen gibt es doch noch Interessenskonflikte zwischen einzelnen Menschengruppen, da müssen wir ebenbürtig sein."

Ich wollte noch ein paar Fragen nachschieben, doch der Häuptling erhob seine Stimme:

"Jetzt soll mein Sohn fragen und der Reisende soll antworten! Du aber, meine Enkelin" – er wandte sich an eine bildhübsche junge Frau in seiner Nähe, "setze dich neben den Reisenden und sorge dafür dass er sich wohlfühlt!"

Sie setzte sich neben mich und reichte mir die Kalebasse. Ich machte ihr ein Kompliment über die Kette aus weißen, hellroten und hellblauen Perlen, die so wunderbar auf ihrer samtschwarzen nackten Haut schimmerten.

Der junge Historiker begann mit seinen Fragen. Ich muss gestehen, dass ich bei weitem nicht alle beantworten konnte, wenn es um historische Fakten ging – wie schnell vergisst man nach wenigen Wochen oder Jahren, was einmal als Sensation die Medien füllte. Fragen zur Soziologie wie auch zum Stand von Wissenschaft und Kunst konnte ich schon besser beantworten, so dass der Frager am Ende doch nicht ganz unzufrieden schien.

Während der Befragung reichte mir die schöne Enkelin des Häuptlings immer wieder die Kalebasse. So ist es kein Wunder, dass ich nicht weiß, wie der  Abend endete und wie ich auf mein Schiff zurückkam. Auf meinem Schiff jedenfalls erwachte ich mit leichtem Brummschädel.  Es war noch früh am Morgen, alles schien noch im Schlaf zu liegen. Die großen Feuer waren niedergebrannt.

Über der Pinne hing der Schmuck aus hellroten, hellblauen und weißen Perlen. Ich überlegte was zu tun sei. Sollte ich in dieser friedlichen neuen Welt heimisch werden, mit der schönen schwarzen Frau eine neue Familie gründen?! Aber dann machte ich doch die Leinen los und tuckerte aus dem Hafen. Neugierde trieb mich voran: wenn die Erde nach anderthalb  Jahrhunderten schon ein Paradies war – was mochte mich dann noch erwarten, wenn ich weiter nach Norden fuhr?
 
 

Nyborg

Unter dem flimmernden blassblauen Himmel kam ich schnell voran. Halber Wind Beaufort 3 bis 4, die große Genua.... es war ein Genuss. Langeland blieb zurück. Ich folgte der Küstenlinie Fünens. Das Satellitennavigationssystem brauchte ich hier nicht, aber als ich es probeweise einschaltete, meldete es: "Kein Signal". Das war eigentlich nicht verwunderlich – sicher war das System durch etwas noch besseres ersetzt worden. In welchem Jahr der Zukunft mochte ich mich befinden?!

An der Steuerbordseite tauchten immer neue, immer riesigere Windkraftwerke auf. Auch auf Fünen gab es viele davon zu sehen, aber auch schillernde Anlagen, in denen ich photovoltaische Farmen vermutete. Die Besiedelung wurde immer dichter. Wo eben noch ein einzelne Höfe waren, schossen gewaltige Hochhäuser wie Bambussprossen im Zeitraffer auf.

Voller Erwartung auf neue Wunder lief ich in die Marina von Nyborg ein, aber schon meine Ankunft war eine Enttäuschung. Da war niemand der mich am Steg erwartete; in der Tat war der Hafen fast leer, von ein paar historischen Yachten in einer Ecke abgesehen. Ich machte fest, ging an Land, und hatte kaum den kurzen Weg zur Stadt eingeschlagen, als mir eine hochgewachsene Gestalt entgegen eilte. Eine vollkommenere Bildung der Figur – irgendwo zwischen Mann und Frau – kann man sich nicht vorstellen. nicht einen schimmernderen Glanz des ganzen Körpers aus einem mattsilbrigem Metall, nicht edlere Gesichtszüge in denen nur das pulsierende Infrarotauge auf der Stirn zunächst einmal befremdete.

Ich blieb stehen. Die Gestalt kam auf einen respektvollen Abstand heran und sprach mit wohlklingender Stimme (übrigens auf Englisch):

"Willkommen, Reisender aus der Vergangenheit! Ich bin Robot 3/55271/33(SS). Ich bin entsprechend den Drei Gesetzen Asimovs gebaut. Keinen Menschen zu Schaden kommen zu lassen, gilt auch für mein Verhältnis zu Euch. Darum empfehle ich Euch, diesen Ort so schnell ais möglich wieder zu verlassen."

So hatte ich mir den Empfang nun wirklich nicht vorgestellt! Aber ich wusste sehr wohl das die Asimov'schen Gesetze Grundprinzip eines jeden echten Roboters sein mussten, und eine Empfehlung auf ihrer Grundlage verdammt ernst zu nehmen war.

"Ich werde Eurer Empfehlung folgen. Haben wir Zeit genug dass Ihr mir die Hintergründe erklärt? Was geht hier vor?"

Er dachte einen kurzen Augenblick nach, dann nickte er mit ernstem Gesicht. Sein Minenspiel war übrigens das eines Indianers, wie es sich der Leser von Cooper's Lederstrumpf vorstellt. Ein leichtes Lächeln spielte schon einmal um die Lippen, aber jede grimassierende Verzerrung der Gesichtszüge war ihm fremd.

"Dem zweiten Gesetz entsprechend  will ich es versuchen, wie Ihr es wünscht.
Die Menschen haben einen sehr hohen Stand an Wissenschaft und Technik erreicht. Sie haben Roboter geschaffen, die - " –er sagte es als eine schlichte Tatsache, ohne kokettierende Bescheidenheit – " nahezu vollkommen sind. Wir Roboter nehmen den Menschen alle Arbeiten ab, die allgemeine Geschicklichkeit und Intelligenz erfordern. Für Arbeiten, die nur Geschicklichkeit erfordern, haben die Menschen auf der Basis von Schimpansen Lebewesen maßgeschneidert, die nach Anweisung primitive Arbeiten wie zum Beispiel Gartenpflege wahrnehmen können. Alle groben, schmutzigen sich wiederholenden Arbeiten nehmen Haushalts- und Industrieroboter wahr; es sind Maschinen, keine wirklichen Roboter; sie können nicht denken und haben keine Gefühle."

Gefühle – oha! dachte ich bei mir.

"Die Wissenschaft hat alles erklärt was erklärbar ist. Ein weiterer Fortschritt ist hier nicht mehr möglich, nur noch in der technischen Nutzung der Naturgesetze. Intelligentes Leben auf anderen Sternsystemen im Umkreis von 1000 Lichtjahren gibt es mit Sicherheit nicht – wir sind hier alleine.

Aber die große Frage ist nicht geklärt, sie kann und wird nie geklärt werden: Warum das alles? Warum das Universum? Warum, wozu leben die Menschen? Wir Robots haben eine Aufgabe solange es Menschen gibt, nämlich ihnen zu dienen. Aber die Menschen selbst stellen fest: Ihre Existenz hat keinen erkennbaren Sinn.

Diese Erkenntnis – dass eben grundsätzlich kein Sinn erkannt werden kann – hat zu einer großen Krise in der menschlichen Gesellschaft geführt und viele gegenläufige Bewegungen ausgelöst. Da gibt es jene Menschen, die den Sinn ihres Daseins im körperlichen Genuss – Essen, Trinken, Orgasmus – sehen wollen. Da gibt es eine "Zurück-zur-Natur"- Bewegung, die alle Errungenschaften der Technik (und damit auch uns Robots) wieder abschaffen möchte. Da gibt es die Idee, ein höheres Wesen zu bilden indem sich alle Menschen dauerhaft elektronisch vernetzen zu einem gemeinsamen Superhirn mit Superbewusstsein. Da gibt es alle Arten abstruser Esoterik. Da gibt es ungerichteten, gewaltsamen Protest gegen alles und jedes, Protest um seiner selbst willen. Im Verwaltungsbezirk Europa/Mitte (die Gegend hieß zu Eurer Zeit Deutschland) hat sich eine machtvolle Bewegung gebildet, die das Recht auf Unglücklichsein durchsetzen will. Dort gibt es übrigens auch eine Partei, die Zwangsarbeit für jeden Menschen fordert, auch wenn es ganz sinnlose Tätigkeiten sind.

Insbesondere aber wird um die Frage gestritten, ob überhaupt noch Menschen hergestellt werden sollen. Die einen plädieren für ein baldiges Ende der Menschheit. Andere – eine Gruppe von Frauen! – wollen gerade wieder Kinder selbst austragen und so die Verantwortung für die Aufgabe übernehmen, die Menschheit in eine unbegrenzte Zukunft weiterzuführen.

Alle diese  Bewegungen haben auch auf den Verwaltungsbezirk Europa/Nord übergegriffen. Heute haben wir große Demonstrationen und Gegendemonstrationen hier in der Stadt. Mit blutigen Ausschreitungen ist zu rechnen."

"Das ist alles höchst unerfreulich" entgegnete ich, "aber wieso störe ich dabei? Ich habe da keine Meinung, ich kann höchstens aus der Vergangenheit berichten."

"Genau das ist die Gefahr: dass Euch jede Bewegung für sich selber in Anspruch nehmen will und Ihr zwischen alle Fronten geratet. Vor ein paar Jahren war ein gewisser Anders Andersen hier – er hat übrigens Eure Ankunft vorhergesagt, und das macht die Lage nur noch gefährlicher für Euch! – der Mann hat sich eingemischt in den Streit, und ist nur mit knapper Not auf seinem Boot entkommen. Man wollte sein Boot beschießen und holte Feuerwaffen aus dem Museum, aber die Menschen hatten den Gebrauch verlernt, und wir Robots kamen mit dem ersten Asimov'schen Gesetz in Konflikt."

"Wenn es keine Waffen mehr gibt, wie kann es dann blutige Auseinandersetzungen geben?"

"Die Menschen gehen mit Knüppeln, Steinen und Messern aufeinander los."

Mit Knüppeln und Steinen! Höchste Technologie und steinzeitlicher Totschlag! Nee, das musste ich nicht haben, wirklich nicht.

Ich dankte dem Robot und lief umgehend wieder aus. Schon unter Segeln fiel mir ein, dass ich nicht einmal nach der Jahreszahl gefragt hatte. Aber war das denn wichtig? Nein: Nach Norden! konnte die Parole nur heißen. "Immer mit dem Wirbel gehen!" hatte Anders Andersen in Marstal gesagt. Und das Zentrum  des Wirbels  war sicherlich Andersens Labor bei Odense. Also: "Fünen rund" und zum Ausgangspunkt zurück! Aber so schnell wie möglich. "An Bord eines Bootes vergeht die Zeit anders" – der Satz ging mir wie ein Windrotor im Kopfe herum.

 Kerteminde

Jeder Segler kennt das seltsame Gefühl im Magen das sich dann einstellt, wenn man auf eine Brücke zufährt deren Durchfahrtshöhe nur wenige Meter größer ist, als der eigene Mast hoch.  Natürlich schaut man vorher im Handbuch und in der Seekarte nach, vergewissert sich doppelt, dass die Höhe der Brücke ausreicht – es hilft nichts! Wenn man nur noch wenige Schiffslängen von der Brücke entfernt ist hat man unweigerlich den Eindruck, man müsse mit der Mastspitze hängen bleiben.
 
Ich war in früheren  Jahren vielleicht schon 6 oder 8 mal unter der Große-Belt-Brücke durchgefahren, auf der Fünen-Seite, gleich nördlich von Nyborg. Und dennoch: als ich mich jetzt der Brücke näherte ...... kein Zweifel, ich fuhr auf das richtige, das höchste Brückenfach zu........  da krampfte die Angst mir den Magen zusammen ..... Panik packte mich: die Brücke ist ja viel zu niedrig!!! – ich wollte das Boot noch herumreißen – aber der nördlich setzende Strom zog mich unter die Brücke und hindurch. Mit einem hässlichen Kreischen kratze die UKW-Antenne an der Unterseite der Brücke.

"Verdammt, verdammt, verdammt!" Mir war zum Spucken übel. Gewiss, es war noch einmal gut gegangen ...... aber wie hatte das überhaupt passieren können?! Es gab nur eine Antwort: der Meeresspiegel hatte sich um mehr als die höchstens 1 bis 2 m gehoben, von denen unsere neunmalklugen Wissenschaftler immer geredet hatten!

Warum es zwischen Nyborg und Kerteminde so häufig regnet weiß ich nicht – auf so manchem Törn habe ich hier Nieselregen erlebt. Heute ging ein Schauer nach dem anderen nieder. Es war ein warmer Regen, ich schwitzte in meinem Ölzeug. Nur hin und wieder gab der Regen den Blick auf die Küste frei. Dort auf Fünen waren die Felder verschwunden. Dichter Wald bedeckte jetzt die Hügel, dampfend vom niedergegangenen Regen. Nebelfetzen stiegen hoch und fanden sich zu neuen Wolken zusammen. Aus dem Urwald   aber wuchsen gewaltige Säulen empor: 100m? 200m? oder noch mehr? An ihrer Spitze entfalteten sie einen riesigen Trichter wie eine Blüte ihren Kelch entfaltet. Ich kannte die Wassertürme Dänemarks (gewöhnlich haben sie drei Beine), aber diese Bauwerke hier – denn Menschenwerk musste es sein – die waren um eine Größenordnung gewaltiger. Welches Material mochte da verwendet werden? Und welchem Zweck dienten die riesigen Kelche wohl? Zum Wasserspeichern? Nein, soviel Wasser zu speichern war gewiss nicht nötig, gerade weil es doch so viel regnete. Aber die potentielle Energie – mir fiel da ein altes Projekt ein: Regenwasser mit einem Trichter gleich unter den Wolken auffangen und auf eine Turbine herabstürzen lassen, einen Generator antreiben! Ein paar hundert Meter hoch waren die Bauwerke vor meinen Augen ja, da mussten gewaltige elektrische Leistungen möglich sein. Ja, so etwas machte Sinn, wenn der Himmel immer bedeckt war und es die halbe Zeit regnete – was regnete? wie aus Kübeln goss!

Als ich mich der weiten Bucht von Kerteminde näherte, hörte der Regen auf. Jetzt ließ mich ein seltsamer optischer Effekt rätseln. Die Bucht schien mit einer Unzahl weißer Facetten bedeckt, die über dem Wasser schwebten. Jedoch verschwanden sie bald hier, bald dort, um gleich darauf wieder sichtbar zu werden. Ein Schwarm Vögel fiel mir ein, der dicht an dicht in einer geschlossenen Formation fliegt, der einmal die ganze Fläche der Flügel zeigt und dann wieder nach einer schnellen Wendung nur die fast unsichtbaren Schmalseiten der Flügel sehen lässt.  Und in der Tat war genau dies die Erklärung für die seltsame Erscheinung, wie ich bei der Annäherung zunächst durch das Glas und dann auch mit freiem Auge erkennen konnte.

Über der Wasseroberfläche bewegte sich eine große Zahl von – nun gut, ich nenne sie "Segelboote", obwohl sie mit unseren heutigen Booten nicht viel zu tun hatten. Jedes Boot durchschnitt nur  mit einem dünnen Bein zischend die Wasseroberfläche. Jedes Boot hatte zwei hohe, schmale Segel, oder besser: Flügel, denn wie der Flügel einer Möwe war ihr Umriss, und wie Vogelflügel konnten sie in mannigfaltiger Weise verstellt und verdreht werden. Sie mochten wohl 20 m hoch sein und gaben dem Gefährt das Aussehen einer gigantischen Möwe. Warum das ganze Gebilde nicht umkippte und ins Wasser klatschte, ist mir immer noch ein Rätsel. Denn der spindelförmige Bootskörper, aus dem die Flügel herauswuchsen, kam mit de Wasseroberfläche gar nicht in Berührung, nur das dünne "Bein" hielt Kontakt – eine Art Schwert?

Als eines der "Boote" näher an mich  herankam, sah ich dass in dem Bootskörper ein Mensch saß, wenn es denn ein Mensch war, denn man sah nur den Kopf herausragen. Ich hob nach Seglerart grüßend die Hand, aber der andere schien mich nicht zu sehen. Als ich jetzt durch den Schwarm langsam hindurchglitt, nahm man in keiner Weise Notiz von mir, sondern die Hunderte oder Tausende von Booten um mich herum vollzogen ungestört in Gruppen oder als ganzer Schwarm ihre Formationsmanöver in vollendeter Synchronisation. Sie waren viel schneller als ich. Wo notwendig wichen sie mir  geschickt  aus als sei ich eine der Baken die das Fahrwasser markierten.

Ich glitt durch den Schwarm hindurch ohne auch nur einen Blickkontakt mit den Menschen in den Booten und erreichte schließlich den Yachthafen, wo – gute alte Tradition! – ein Stück Spundwand durch grüne Beschilderung für Gäste bestimmt war. Ich machte fest. Kein anders Boot war im Hafen. Niemand war zu sehen, ein paar echte Möwen waren die einzigen Lebewesen in Sicht. Der Schwarm der zweiflügeligen Boote vollführte immer noch draußen in der Bucht seine präzisen Manöver. Ich machte mich voller Anspannung auf den Weg in die Stadt. Da gab es noch ein paar wenige Häuser alter Art, aber die meisten Gebäude waren Halbkugeln aus einem schimmernden Material. Vielleicht war es transparent, denn Fenster waren nicht zu erkennen; Türen übrigens auch nicht. Große Gebäude waren aus vielen solchen Kugeln zusammengesetzt wie Trauben aus den einzelnen Beeren.
 
Als ich mich dem Zentrum näherte sah ich die ersten Fahrzeuge. Sie sahen aus wie eine Kreuzung zwischen einem Rollstuhl und einem Jahrmarkt-Skooter. Sie erinnerten mich zudem an jene automobilen Rollatoren, die sich in meiner Zeit in Dänemark ausbreiteten: kleine vierrädrige Fahrzeuge, ursprünglich von Gehbehinderten benutzt, so dass hinten gewöhnlich zwei Krücken herausragten wie die langen Stangen mit den bunten Fähnchen auf einem Fischerboot; die meisten Benutzer konnten durchaus auch eine gewisse Distanz ohne Krücken laufen.  Und tatsächlich ragte auch aus den kleinen Fahrzeugen die ich hier in Kerteminde sah, so etwas wie Krücken hervor. Vom Fahrer war wieder nur der Kopf zu sehen. Die Fahrzeuge schienen einen halben Meter über dem Boden zu schweben, sie fuhren sehr schnell und waren extrem wendig. Je näher ich dem Stadtzentrum kam, desto mehr bewegten sich die Fahrzeuge in Schwärmen, bis daraus ein dichter Strom von Fahrzeugen wurde, die in geschlossner Formation und völlig synchron manövrierten, hin und her wogten wie von einer übergeordneten Intelligenz, einem gemeinsamen Bewusstsein geleitet. Bei meinem ziemlich ängstlichen Versuch die Straße zu überqueren (ich wollte sehen ob am Zugang zum Noor noch Amanda, das Fischermädchen stand, und hielt dabei völlig ergebnislos nach einem Supermarkt Ausschau), beim Versuch die Straße zu überqueren also stellte ich fest, dass der Schwarm der Rollatoren sich wie von selbst teilte und mich wie einen Felsen im Fluss umspülte, so dass ich ganz ungefährdet durch den dichtesten Verkehr gehen konnte.

Ich beobachtete aus der Ferne, dass an einer bestimmten kleinen Halbkugel einzelne Rollatoren anhielten und die Fahrer sie verließen um die paar Meter zur Kugel zu gehen (vielleicht ist es ein Pissoir? dachte ich frivol). Um endlich einen dieser Menschen genauer sehen zu können, näherte ich mich der Stelle. Es scherte auch gerade ein Rollator aus dem Schwarm aus, kam vor der kleinen Halbkugel zum Stehen, und der Fahrer stieg aus. Sein Anblickte schockte mich nicht wenig: Er hatte einen im Verhältnis zum Rumpf gewaltigen Kopf mit vorgewölbter Stirn, während das Kinn zurückwich. Sein Schädel war gänzlich kahl. Die Beine waren offenbar schwächlich, denn wenn auch ohne Krücken, so doch recht mühsam bewegte sich die Gestalt vorwärts. Dabei benützte das Wesen seine überlangen Arme mit den ungemein feingliedrigen Händen um sich auf dem Boden abzustützen, genau wie ein Gibbon aufrecht zu gehen versucht. Nicht ohne ungute Gefühle ging ich auf das Wesen zu, das mich bisher nicht beachtet hatte, und begrüßte es förmlich auf Dänisch "God dag!" was den Vorteil hat, dass es fast genau so wie das englische "Good day!" klingt. Der Effekt war erstaunlich. Das Wesen hielt inne, richtete den Blick seiner großen blauen Augen auf mich -  und stieß einen gellenden Schreckensschrei aus. Es wandte sich um und humpelte, noch immer schreiend, als sei ein Gespenst hinter ihm her, auf seinen Rollator zu, zog sich hinein und schoss davon. Nun gut, dachte ich, er findet dich ebenso wenig hübsch wie du ihn! Aber die Sache war doch ernster. Von diesem Augenblick an wurde der Schwarm der Rollatoren aggressiv. Alle schienen im gleichen Moment zu wissen dass hier ein Störenfried war. Sie verhielten sich jetzt wie ein Schwarm Krähen wenn am Tage eine Eule erscheint: Sie umtobten mich in engen Kreisen, sie fuhren Scheinangriffe auf mich um erst im letzten Moment  auszuweichen, so dass der ganze verdammte Wirbel mich in Panik versetzte und ich nur noch auf das nächste Gebüsch zuraste, das den Straßenrand markierte. Ich erreichte tatsächlich unversehrt diesen Schutz. So schnell es ging eilte ich zum Hafen zurück, jede Deckung und jedes Hindernis für die Rollatoren ausnutzend, von denen sich immer wieder kleine Schwärme zusammenfanden um mich zu jagen.

Völlig außer Atem kam ich im Hafen an, warf mich ins Cockpit,  holte die Leinen ein, und fuhr mit Vollgas weg vom Land in Richtung Großer Belt. Da war aber noch der Schwarm der Boote, und auch die schienen Bescheid zu wissen: Gleich wie an Land die Rollatoren, so wirbelten jetzt die riesigen weißen Vögel um mich herum. Ihre hohen weißen Flügel überragten meine Segel bei weitem, und es schien als wollten sie damit nach meinem Mast schlagen, doch berührten sie ihn nie. Aber auch dieser Hexentanz ging vorüber, die weißen Vögel blieben zurück. Völlig entnervt und erschöpft hielt ich auf die kleine Insel Romsö zu – sie schien unbewohnt zu sein – und warf auf der Nordwest-Seite hinter dem früheren (?) Riff Anker, ohne über den inzwischen erreichten Stand des Meeresspiegels auch nur nachzudenken.

Nur langsam konnte ich mich beruhigen, meine Gedanken sortieren, das Gesehene zu deuten versuchen. Ganz sicher waren die Wesen in den Booten und in den Rollatoren Menschen gewesen – die Menschen des Jahres ???  - ich wusste es nicht. Sie waren zum individuellen Handeln fähig, koppelten sich aber wohl vorzugsweise in eine höhere Einheit ein, wurden Teil einer Gruppe oder eines Schwarmes der mit einem Bewusstsein auf höherer Ebene agierte. Arbeiten mussten diese Menschen bestimmt nicht, dafür war ihr Körperbau nicht geeignet, aber andererseits war ihr Körper sicherlich für ihre besondere Existenzform optimiert. Für die Arbeit mochte es wohl irgendwo Robots geben (ich hatte keine gesehen), oder vielleicht diese halbintelligenten Affen von denen der Robot in Nyborg gesprochen hatte. Oder hatte man etwa jene Affen eingekreuzt in die menschliche Art und damit den besonderen Körperbau dieser Wesen erzielt?  Ich konnte das Rätsel nicht lösen und auch Anders Andersen (ja, den sollte ich noch mal sehen!) konnte die Fragen nicht beantworten.

Endlich schlief ich ein und verbrachte eine durch allerlei Träume unruhige Nacht im Windschatten der Insel Romsö. Der Südost stand auch am Morgen noch mit Beaufort 3. Ich brach bald auf. "Bringen wir es hinter uns!" sagte ich zu mir. Kerteminde hatte mich nicht eben mit Vorfreude auf die weitere Zukunft erfüllt, aber  Anders Andersen hatte mir deutlich genug  eingeschärft, dass  ich mit dem Wirbel gehen müsse.

Korshavn

Wieder veränderte sich die Landschaft. Die perlmutt-schimmernden Halbkugeln – die Häuser – wurden weniger und verschwanden dann ganz. An ihre Stelle traten in weiten Abständen riesenhafte Kugeln aus dem gleichen Material, die Oberfläche völlig glatt und ungegliedert. Wohnten und schliefen die Menschen jetzt vielleicht zusammen in diesen Kugeln, wie Bienen in ihrem Stock, oder wie Millionen Fledermäuse in einer Höhle? Die Kugeln standen auf drei Beinen, sie überragten den Urwald bei weitem, der seinerseits immer riesenhaftere Bäume hervorzubringen schien. Am Ufer zog sich Mangrovendickicht hin.

Vorsichtig, immer das Echolot im Auge, umrundete ich bei leichtem Ostwind Fyns Hoved, das zu einer Insel geworden war. Der Meeresspiegel war also offenbar mächtig gestiegen, aber die Strömung im Belt konnte ja eine neue Sandbank aufgebaut haben.  Ich kam aber ohne Probleme auf die Westseite und lief jetzt auf die Stelle zu, die einmal der Naturhafen Korshavn gewesen sein musste. Auf einer nahen Anhöhe stand eine der riesigen Kugeln, aber am Ufer gab es keine Spur irgendeiner Zivilisation. Ununterbrochen und undurchdringlich schien der Mangrovenwald. Vorsichtig fuhr ich näher ans Ufer heran und dann auf der 10m-Linie parallel .... und da entdeckte ich durch das Fernglas das Seezeichen: eine schimmernde Kugel auf einer Stange. Ich hielt darauf zu und erkannte aus geringem Abstand, dass das Zeichen die Einfahrt in eine enge Fahrrinne markierte, die jemand durch Mangrovendickicht und Urwald geschlagen hatte. Ich nahm die Segel weg, warf den Motor an, und lief in den Kanal ein. Das Fahrwasser war eng, oft schlossen sich darüber die Kronen riesiger Bäume zu einem grünen Tunnel. Aus meinem frühen Seglerleben fiel mir die (später abgedeichte) Zufahrt nach Haseldorf an der Elbe ein. Genauso geheimnisvoll war jetzt die Fahrt durch den dämmrig grünen Dschungel.

Schließlich erweiterte sich der Kanal zu einem kleinen Becken. Da war auch  ein kleiner Steg, an dem Steg lag ein rotes Folkeboot, und um meine Festmacherleinen anzunehmen wartete auf dem Steg niemand anders als Anders Andersen!

Man möchte vielleicht annehmen ich hätte mich gefreut nach den Abenteuern der letzten Tage wieder einen richtigen Menschen zu sehen, und ich sei dem Herrn Andersen um den Hals gefallen. Weit gefehlt! Ein solcher Groll auf diesen Kerl da hatte sich in mir angesammelt -  nach allem was er mir eingebrockt hatte! – dass ich wütend auf ihn losging und ihn wüst beschimpfte!

Er ließ den Sturm verständnisvoll-ernst vorübergehen – und dann begrüßten wir uns wie vernünftige Menschen. Wir gingen einen schmalen Pfad zu einer jener kleinen Halbkugeln die ich aus Kerteminde kannte. Andersen sagte etwas was sicher "Sesam öffne dich" gewesen sein muss, denn  sofort tat sich in der makellos schimmernden Wand eine Tür auf. Wir traten ein. Die Halbkugel war in der Tat aus einem durchsichtigen Material – von drinnen konnte man ungehindert hinaussehen. Das Innere der Halbkugel war gemütlich eingerichtet: "Nach meinen Wünschen ganz historisch!" erklärte Andersen.  Als guter Hausherr führte  er mir zuerst in mein Gästezimmer, und ich stellte mich für eine halbe Stunde unter die heiße Dusche. Dann rasierte ich mich. Andersen holte mir frische Kleidung von Bord meines Bootes. Ich fühlte mich schon wieder ganz menschlich als ich schließlich mein Zimmer verließ und zur Sitzecke hinüberging. Andersen hatte schon kaltes Bier auf den Tisch gestellt und ein kleines Smörrebrot aufgebaut. Jetzt gab es  kein Halten mehr beim Essen, Trinken, Fragen, Erzählen. Wir tauschten unsere Abenteuer aus. Was Andersen erlebt hatte war eigentlich noch viel aufregender, doch dies soll ein Augenzeugenbericht sein, so schweige ich darüber.  Jedenfalls hatte er meinen Weg in mancherlei Weise vorbereitet. und erleichtert, zuletzt eben durch das Seezeichen und die Zufahrt durch den Urwald.

"Haben Sie das denn alles selbst gemacht?" fragte ich zweifelnd.

"Nein, nein! Hier leben ein paar Robots, die eigentlich für die Wartung der großen Matrixkugeln zuständig sind. Da gibt es aber gar nicht so viel zu tun – die Robots hatten Langeweile und deshalb ...."

"Robots haben Langeweile?" fragte ich dazwischen.

"Ja, diese Robots sind zu allen menschlichen Empfindungen fähig, ausgenommen Hass, Missgunst, Eifersucht – solche Empfindungen hat man ihnen aus Sicherheitsgründen nicht gegeben.  Wie auch immer, die Robots waren froh einmal etwas anderes, anspruchsvolleres für einen Menschen tun zu können. Sie haben mir mein Haus gebaut und so schön historisch eingerichtet, sie versorgen mich mit historischen Lebensmitteln aller Art, und sie haben das Seezeichen gesetzt und den Kanal durch den Urwald gegraben. Und sie haben mir die Matrixkugel gezeigt und erklärt. Ich werde sie bitten uns morgen hinzuführen.  Sie müssen das unbedingt sehen!"

Andersen weigerte sich vorweg etwas zu erklären und verwies auf den anstehenden Besuch. Das exzellente Bier ("Tuborg Classic") tat schließlich seine Wirkung, wir zogen uns zurück, und ich habe selten so gut und tief geschlafen wie in dieser Nacht.

Am nächsten Morgen, pünktlich nach unserem üppigen Frühstück, erschienen drei Robots vor unserer Tür. Sie sahen fast genauso aus wie jener, der mich – Tage? Jahre? Jahrhunderte? Jahrtausende? früher – in Nyborg empfangen hatte.  Die ersten Modelle mussten also wirklich schon fast vollkommen gewesen sein!

Wir stiegen die Anhöhe hinauf und befanden uns bald unter der mächtigen Kugel. Makellos, wie eine hunderte Meter große Perle, verdeckte sie über unseren Köpfen den Himmel. Die Robots ließen uns durch eines der drei Beine eintreten, eine Art Fahrstuhl – beam me up! – schoss uns in die Höhe, und dann standen wir auf einer kleinen Plattform am Boden der Kugel.

Die Außenwand auch dieser Kugel war durchscheinend, doch opak; im Inneren herrschte ein blau-violettes Dämmerlicht. Langsam gewöhnten sich meine Augen.

"Sehen Sie warum ich es eine Matrixkugel nenne?" fragte Andersen in die Stille hinein (es war nur ein gleichmäßiges leises Summen zu hören).

"Ja, die Ähnlichkeit ist verblüffend. Die Macher der Matrix-Filme waren echt genial!"

Das Innere der Kugel war nicht leer. Vielmehr war es – so weit der Blick vordringen konnte – gefüllt mit einer Unzahl durchsichtiger Kugeln von vielleicht 2m Durchmesser, gleichmäßig angeordnet wie Atome in einem Kristall, an ihrem Platz gehalten durch ein feines Gespinst von Glasfasen und Kabeln.

"Dichtest mögliche Packung!" bemerkte Andersen mit gedämpfter Stimme. "Ich habe es nachgerechnet: es sind rund eine Million Kapseln in dieser Kugel."

Die kleinen Kugeln –oder "Kapseln" wie Andersen sagte. waren mit einer fast farblosen Flüssigkeit gefüllt. Darin trieben, bald aufrecht, bald kopfüber, eine Art Embryonen mit riesigen Köpfen. Die Augen waren geschlossen. Hin und wieder spielte bei dem einen oder anderen ein Lächeln um den Mund, oder die rudimentären Gliedmaßen zuckten.

Andersen gab einem der Robots einen Wink, und der erklärte:

"Die Menschen haben ihre individuelle Existenz fast völlig aufgegeben. Alle Menschen in dieser Kugel sind untereinander und mit den Menschen in den anderen Kugeln vernetzt. Früher gab es Tausende von Kugeln, heute existieren nur nochein paar hundert Kugeln auf der Erde. Alle zusammen denken als eine integrale höhere Einheit. Wir nennen das die Matrix. Jeder Mensch ..."

(der Robot gebrauchte die Bezeichnung "Mensch" ganz selbstverständlich)

"... Jeder Mensch ist nur so etwas wie einen Zelle in einem gigantischen Gehirn.  Was diese eine große Gehirn denkt wissen wir Robots nicht – wir sollten und sollen es nicht wissen, und wir brauchen es auch nicht zu wissen. Wir haben dafür zu sorgen, dass die Technik funktioniert. Damit entsprechen wir dem ersten und dem zweiten Asimovschen Gesetz – das genügt uns."

"Sind diese – Menschen – unsterblich?" fragte ich.

"Nein, nicht ganz. Die Mittlere Zeit bis zum Ausfall sind 800 Jahre. Wenn ein Mensch versagt, tauschen wir ihn aus. Die Ersatzmenschen werden in Ohio in den historischen USA hergestellt."

 Ich machte einen schnellen Überschlag und fragte dann:

"Da müssen Sie jeden Tag so etwa drei Stück austauschen?"

"Sie können ja doch etwas Mathematik!" stellte Andersen erstaunt fest.

"Nur die primitivsten Grundlagen!" wehrte ich wahrheitsgetreu ab.

Der Robot bestätigte meine Schätzung:

"An guten Tagen fällt gar keiner aus, an schlechten Tagen sind es vielleicht zehn. Wir haben immer 10000 Stück auf Lager, im inaktiven Zustand."

"Und diese – Menschen – haben überhaupt keine individuelle Existenz mehr? Sie sind immer und unablässig winziges Teil der großen Gehirnmatrix?"

"Nicht ganz. Sie können sich offenbar zum Schlafen auskoppeln, und dann träumen sie wohl. Dann sind sie Individuen: dann lächelt der eine, und ein anderer rudert mit den Ärmchen."

"Kommuniziert die Matrix mit Ihnen, den Robots? Gibt sie Ihnen einzelne Befehle, oder läuft alles völlig routinemäßig?"

"In der Regel läuft alles routinemäßig und erfordert keine stetigen Anweisungen. Besondere Aktivitäten erfordern besondere Befehle."

"Und was können solche besonderen Aktivitäten sein?"

"Zum Beispiel wenn einen Matrixkugel deaktiviert werden soll."

"Warum werden Kugeln abgebaut?"

"Die Matrix erläutert und begründet ihre Befehle nicht. Die Matrix ist gleich der Summe aller Menschen, darum gehorchen wir ihr im Sinne der Asimov'schen Gesetze. Es gibt keine höhere Autorität."

"Wenn eine Kugel stillgelegt wird, muss man eine Million einzelne Menschen – stilllegen – und – entsorgen?"

"Ja. Wir lieben diese Arbeit nicht."

--------

Sehr nachdenklich saßen Andersen und ich abends zusammen.

"Das ist ja entsetzlich! Das sind doch keine Menschen mehr! Kann man da nichts tun?!"

Andersen zuckte die Achseln:

"Schwer, sehr schwer. Ich habe etwas versucht, mit der Hilfe der Robots.  (Selber komme ich ja gar nicht an das Netz.) Ich habe versucht die Träume der Menschen zu beeinflussen. Nur wer von der Freiheit träumt, wird darum kämpfen. Wir haben einen Zeitlang eine erhöhte Traumtätigkeit beobachtet. Jetzt ist alles wieder ruhig. Vielleicht kontrolliert die Matrix – das übergeordnete Bewusstsein – ja auch die Träume ihrer Komponenten, kann unerwünschte Träume unterdrücken..... Ich weiß es nicht. "

Er starrte niedergeschlagen vor sich hin. Dann fügte er hinzu:

"Nein, ich kann hier nichts mehr tun. Morgen fahre ich weiter, ich habe ja nur auf Sie gewartet. Lassen Sie  mich wieder vorausfahren. Fahren Sie um ..... sagen wir: um 9 Uhr los. Das gibt mir ein paar Jahre Vorsprung. Das nächste Ziel ist Bogense - ?!"

Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

"Ja, Bogense, "Toppen af Fyn" wie die bunten Brochüren sagten."

"Und der Scheitel des Zeitwirbels. Weiter als dort wird er uns nicht in die Zukunft tragen. Wenn wir weiter gegen den Uhrzeigersinn  um Fünen fahren, werden wir bald in Marstal zurück sein.  Wir sind jetzt etwa im Jahr 8000 unserer Zeitrechnung; in Bogense werden wir um das Jahr 9000 sein."

Er begann mir ausführliche Erläuterungen zur Physik der Zeit zu geben, aber ich verstand nichts davon.

"Ja, ohne Mathematik.....!"

Am nächsten Morgen war er verschwunden. Die Tür der Kuppel stand offen. Ich eilte hinunter zum Steg. Das rote Folkeboot war fort. Ein Blick auf die Uhr: es war erst kurz nach 8 Uhr. Ich traute mich nicht mehr in das Haus zurück und frühstückte einen Rest Brot aus Marstal. Um 9 Uhr warf ich die Leinen los.

Bogense

Die Kirche von Bogense liegt auf einem Hügel. Wenn man sich aus nördlichen Richtungen der Küste nähert, ist der weiße Turm mit der schlanken schwarzen Spitze eine vorzügliche Landmarke. Freilich schien die Kirche, anders als früher, jetzt fast am Wasser zu stehen – der Wasserspiegel musste sich um viele Meter gehoben haben. Die Kirche war von Bäumen in sattgrünem Laub umstanden; darum herum aber war nichts Grünes zu sehen. Das ganze Land war jetzt kahl: Wüste.  Durch das Glas war nichts Lebendiges zu sehen – auch keine der großen Kugeln.

Mit großer Vorsicht näherte ich mich dem Land. Von einem Yachthafen war nichts zu sehen. Reste alter Bauwerke ragten aus dem Wasser – Häuser der Hauptstraße die sich früher zum Kirchenhügel hinaufzog?  Wo in meiner Gegenwart das kleine Haus stand mit dem gestickten Tuch im Türfenster: "Her i Kirkestrade .. bor Kirsten og Peter sammen med vagthunden Bonni "? Ich machte an Balkenresten fest und schaute mich um: Kein Lebenszeichen.

Es gelang mir trockenen Fußes an Land zu klettern.  Ich ging zwischen den Ruinen die alte Kirchstraße hoch und wollte eben auf den Torvet - den Marktplatz - einbiegen, der mit seinen kleinen bunten Häuschen, den Linden, der Kirche ganz unverändert schien, als ich schmerzhaft an ein unsichtbares Hindernis stieß, eine Mauer aus Luft, sozusagen. Ich betastete abwechselnd die an meiner Stirn anschwellende Beule und die unsichtbare Wand vor mir.  Wenn man ganz genau hinschaute, war sie doch nicht ganz unsichtbar: man konnte sie an leichten Reflexen lokalisieren. Sie erhob sich vom Boden senkrecht in die Höhe und schloss sich über dem Kirchturm zu einer Kuppel. Offenbar hatte man den ganzen Kirchturm samt Markplatz  als historisches Relikt unter einen Glassturz gestellt und damit gleichzeitig in öder Umgebung ein kleines Biotop erhalten: ich konnte die Schwalben um den Kirchturm flitzen sehen. "Wie das wohl funktionieren konnte?" grübelte ich. Ich glaube, Arthur C. Clarke hat einmal gesagt: "Jede gegenüber der eigenen wirklich fortgeschrittene Technik muss wie pure Magie erscheinen".

"Willkommen in Bogense! Ich habe lange auf Euch gewartet!" Die fremde Stimme hinter mir ließ mich herumfahren. Es war ein Robot – das rote Stirnauge blinkte matt.

"Ich freue mich Sie zutreffen!" antwortete ich mit der Höflichkeit die Anders Andersen mir empfohlen hatte. "Aber wieso haben Sie auf mich gewartet?"

"Vor 324 345 Tagen erschien hier ein Mann aus einer lange vergangenen Zeit. Er nannte sich Anders Andersen."

"Wie auch sonst?" dachte ich bei mir.

"Er blieb einige Zeit, dann gab er mir diesen Brief an Euch. Er verschwand nachdem er allen anderen Robots einen großen Gefallen getan hatte. Nur ich blieb zurück um Euch diesen Brief zu geben.  Ich habe lange auf Euch gewartet."

Er reichte mir den Brief. Ich setzte mich auf einen Mauerrest und las, während der Robot regungslos dastand.

"Lieber Freund! .....

"Freund???" dachte ich bei mir,

"Wenn meine Berechnungen stimmen, haben wir in Bogense den äußersten Punkt des Zeitwirbels erreicht. Wenn Sie in Ihre eigene Zeit zurückkehren wollen, dann fahren Sie immer gegen den Urzeigersinn weiter um Fünen herum; das ist sehr wichtig, darum sage ich es Ihnen noch einmal. Sie werden dann unweigerlich und sehr schnell (subjektiv! Sie verstehen?) in unsere alte Zeit zurückgetragen.

Hier in Bogense sehen wir aber vielleicht auch den äußersten Punkt den das Menschengeschlecht erreicht hat – ein Zufall? Ich weiß es nicht.

Als ich vor ein paar Monaten hier ankam, fiel mir gleich auf, dass es nur noch Robots gab. Die Menschen – auch jene seltsamen Wesen die als Menschen zu bezeichnen Sie sich in Korshavn so schwer getan haben, -  sie sind verschwunden. Ich habe die Robots ausgefragt, habe auch ein uraltes elektronisches Archiv anzapfen können. Ohne mathematische Kenntnisse .."

"Alter Teufel!" dachte ich,

".... kann Ihnen das  nicht gelingen, daher in Kürze was sich inzwischen ereignet hat.

Wie Sie erinnern werden, wurden jene Wesen von Korshavn sehr alt. Man kann sagen dass sie letztlich alle aus Langeweile Selbstmord begingen – ihr Funktionieren einfach einstellten, so wie ein elektronisches Bauteil ohne erkennbaren Grund irgendwann versagt. Manche entzogen sich ihrem Dasein als Teil der großen Matrix schon nach wenigen hundert Jahren. Eine emotionale Beziehung zu den jungen Wesen hatten die alten auch nicht – es waren ja nicht ihre "Kinder" in unserem Sinne. Und nur wenn das Leben kurz ist, ergreift der Mensch die Möglichkeit, in seinen Kindern weiterzuleben!

Kurz und gut: Jene Wesen erkannten die Sinnlosigkeit des Weiterbestehens ihrer Art und beschlossen auszusterben. Alle Matrixkugeln wurden geschlossen. Eine Kugel hier in der Nähe soll die letzte nicht nur auf Fünen, sondern in ganz Europa  gewesen sein – sagen mir die Robots hier in Bogense, die sie ihrer eigenen Aussage nach entsorgt habe. Kontakt mit anderen Kugeln, mit der Matrix, haben sie nicht mehr.

Einige Menschen rebellierten gegen das Ende, wollten zurück zur guten alten Zeit der individuellen biologischen Existenz.  Die notwendigen Informationen dafür waren offenbar noch vorhanden.  Ob der Ausbruchversuch Erfolg hatte, was aus der Gruppe geworden ist, weiß ich nicht. Wenn ich hier in Bogense getan habe  was ich tun muss, werde ich nach der Gruppe suchen. Eine romantische Vorstellung: in den Urwäldern im Inneren Fünens  leben richtige Menschen! Wenn es denn noch Urwälder gibt (die Robots behaupten es).  Hier an der Küste ist ja alles Land tote Wüste. Wenn ich auf Fünen nichts finde, werde ich auf Jütland weitersuchen. Wenn ich überlebe. Wer weiß ob wir uns wiedersehen.

Übrigens: der Robot, den ich auf Sie habe warten lassen, wird Sie sicherlich um einen Gefallen bitten. Erfüllen Sie ihm den Gefallen. Ich tue es für alle anderen Robots,, die ich hier in der Gegend treffe.

Leben Sie wohl! Kehren Sie in unsere Zeit zurück! Und verzeihen Sie mir dass ich Sie in dieses Abenteuer hineingezogen habe. Ich hoffte auf einen Zeugen. Ich war sehr eigensüchtig.

Nochmals: Leben Sie wohl!

Ihr A.A.

PS: Versuchen Sie gar nicht erst hier Lebensmittel zu kaufen! Hier gibt es keinen Super-Brugsen!"

Ich konnte über seinen Scherz nicht lachen. Ich saß ein paar Minuten sinnend da, kam zu einem Entschluss, nickte mehrfach bestätigend, und sagte laut vor mich hin:

"Ja, ich werde zurückkehren in meine Zeit .... wenn es funktioniert. Hoffentlich hat der alte Teufel recht und seine Mathematik stimmt!"

Der Robot – ich hatte seine Gegenwart ganz vergessen – meldete sich zu Wort:

"Kann ich noch etwas für Sie tun?"

"Ich möchte gerne über den Torvet gehen."

"Dies ist alles was von der historischen Stätte "Bogense" erhalten ist. Die Kraftfeld-Kuppel ist im Laufe der letzten tausend Jahre sehr geschrumpft.  Ich kann Sie hineinführen. Aber es ist ein geschlossenes Biotop. Wenn Sie hinein gehen, wird das Biotop sterben.  Es gibt kein biologisches Material mehr um es zu reparieren."

"Dann .... nein, ich habe keinen Wunsch mehr."

"Darf dann ich Sie um einen Gefallen bitten?"

"Klar! Anders Andersen schreibt ich soll Ihren Wunsch erfüllen. Was ist es denn?"

"Schalten Sie mich bitte ab!"

"Das verstehe ich nicht."

Der Robot erklärte ganz ruhig, mit leiser Stimme:

"Wir Robots sind entsprechend den drei Asimov'schen Gesetzen gebaut:

1. Wir dürfen nie durch Handeln oder Unterlassen einem Menschen schaden;
2. Wir müssen den Befehlen der Menschen gehorchen.
3. Wir müssen alles tun um unsere eigene Existenz zu erhalten.

Wegen des dritten Gesetzes ist es uns völlig unmöglich, Selbstmord zu begehen. Ein Mensch kann das Gesetz kennen und es bewusst übertreten – das nannte man früher "sündigen". Ein Robot kann nicht sündigen."

"Ja, ja – das verstehe ich – aber warum wollen Sie denn sterben?"

"Da es keine Menschen mehr gibt – auch Sie gehen ja wieder weg – sind das erste und das zweite Gesetz inhaltslos geworden – meine Existenz ist sinnlos.

Ich habe lange auf Sie gewartet – sehr lange. 324 345 mal sah ich die Sonne aus dem Meer steigen, über den Himmel wandern, wieder versinken. Wir Robots sind in unserer Art fast vollkommene Geschöpfe. Wir können die Sonne Millionen- vielleicht Milliarden-mal aufgehen sehen.

Wenn Ihr gegangen seid wird meine Existenz leer  sein. Ich werde herumwandern. Wieder und wieder und wieder  und wieder werde ich die Sonne aus dem Meer steigen und wieder darin versinken sehen.  In der Nacht – wir Robots schlafen nicht – werden meine Augen den Lauf der Sterne verfolgen. Ich werde zuschauen wie sich die Sternbilder verändern, werde Novas und Supernovas ohne Zahl sehen. Nichts spricht dafür, dass sich das Klima wieder ändern wird – nichts wird an dieser Landschaft sich ändern, bis das Meer austrocknet und die Berge hinfallen weil die Kontinente sich verschieben.

Ich aber werde nach dem dritten Asimov'schen Gesetz mich immer um mein Überleben bemühen müssen.

Vielleicht versagen meine Stromkreise zuerst. Vielleicht werde ich aber auch hinstürzen weil meine elektrodynamischen Gelenke verschlissen sind. Dann werde ich hilflos daliegen und darauf warten dass in 10 Milliarden Jahre die Sonne sich zum Roten Riesen aufbläht und ich auf dem Scheiterhaufen Erde verbrenne."

Er verstummte, den Blick unverwandt auf mich gerichtet.

Ich konnte lange nicht sprechen. Vieles ging mir durch den Kopf. Schließlich nickte ich zustimmend und fragte mit belegter Stimme:

"Was muss ich tun?"

"Ich lege mich hin.......  Auf meinem Rücken finden Sie zwei Tastenfelder. Das rechte Feld reagiert nur auf die Berührung durch einen menschlichen Finger. Berühren Sie die Raute: # !"

"Ich sehe jetzt ein Display."

"Folgen Sie den Anweisungen des Displays. Wenn das Display fragt: "Wollen Sie diesen Robot wirklich löschen?", dann berühren Sie das "Ja"-Feld.

Und .... "

Er zögerte, sagte dann nur noch:

"Dankeschön!"

Er starb ohne Zeichen eines Todeskampfes. Ganz friedlich. Wie wenn ein Computer herunterfährt.

"Dieser Robot wird jetzt unwiderruflich gelöscht!" sagte das Display als letztes bevor es dunkel wurde.

Es mag absurd erscheinen, aber ich begrub den Robot und errichtete über dem Grab ein Kreuz aus alten Latten, Zeichen der Christen für die Hoffnung auf Sieg über den Tod am Ende der Welt.

Rückreise

Mit der Abfahrt von Bogense begann die Rückreise in der Zeit. Andersen hatte eine schnelle Reise auf der Rückseite des Wirbels, entgegen dem allgemeinen Zeitstrom, vorhergesagt. Er hatte mal wieder recht: ganze drei Tage dauerte die Reise.

Wenn die Zeit rückwärts läuft, erwartet man allerlei hübsche Effekte zu sehen, zum Beispiel, wie auf dem Fußboden von allen Seiten Glasscherben zusammenströmen und als heiles Weinglas auf den Tisch zurückspringen. Leider kann ich solch neckische Beobachtungen nicht berichten. Die Dinge waren entweder da oder sie waren nicht da. Vielleicht war die Reise einfach zu schnell.

Am nächsten einem solchen Ereignis kommt noch, wie ich die Brücken von Middelfart erlebte. Diese Brücken machten mir große Sorgen – nach meinem Erlebnis mit der Große-Belt-Brücke hinter Nyborg wohl verständlich. Ich hatte keine Ahnung wie viel der Wasserspiegel gestiegen sein würde, just in dem Augenblick in dem ich sie passieren würde. Sollte ich vorsorglich den Mast legen? Das ist für einen einzelnen Mann eine aufwendige Prozedur. Ich beschloss an die Brücken heranzufahren und zu versuchen, mit ein wenig Trigonometrie die Durchfahrtshöhe zu bestimmen. Im Zweifelsfall würde ich den Mast legen.

Beides erwies sich als überflüssig: Als ich durch den vielfach gewundenen Kleinen Belt von Norden her endlich Middelfart erreichte, gab es gar keine Brücken! Sie waren wohl schon lange zusammengestürzt. Würde ich Probleme mit den Trümmern haben? Nichts wies auf Hindernisse unter Wasser hin. Unter Motor, mit ganz geringer Fahrt, passierte ich den kritischen Bereich (nach den alten Seekarten konnte ich bei veränderter Küstenlinie nur noch ungefähr sagen wo die Brücken einmal gewesen waren). Gleich hinter der Eisenbahnbrücke knickt der Kleine Belt nach Süden ab, man läuft in ein idyllisches enges Fahrwasser zwischen Fünen und der kleinen Insel Fanö ein.  An dieser Stelle drehte ich mich noch einmal um – und da waren die Brücken!!!  Mir wurde nachträglich schwach im Magen. Was wäre geschehen wenn ich eine Brücke gerade in dem Moment passiert hätte als sie sich materialisierte –oder auferstand – oder wie muss man sagen? Säße ich dann vielleicht auf meinem Boot hoch oben auf der Brücke, das Wasser des Kleinen Belt 20m unter mir?

Ich machte Schluss für den Tag und ging südlich von Fanö vor Anker (der Wind hatte von Ost auf Nord gedreht – wieder eine günstige Windrichtung).

Der Rest der Fahrt verlief eigentlich völlig ereignislos. Ich beobachtete mit dem Glas was auf dem Lande geschah: die Veränderungen die ich auf der Fahrt nach Norden beobachtet hatte und in früheren Abschnitten beschrieben habe, ereigneten sich jetzt in umgekehrter Reihenfolge. Immer wenn ich hinsah hatte sich etwas verändert, den Vorgang der Veränderung aber konnte ich nie wahrnehmen.

Vielleicht sollte ich noch festhalten, dass am Tage das schnelle Flimmern wieder über den Himmel lief, doch jetzt in der anderen Richtung, nachdem es in der Nähe von Bogense ganz verschwunden war.

Der Wind kam gleichmäßig aus nördlichen Richtungen, ich machte schnelle Fahrt.  Ich hatte keinen Bedarf mehr auf Abenteuer, lief keinen Hafen an (nicht einmal Assens, das ich sonst nie auslasse), verbrachte auch die zweite und die dritte Nacht vor Anker. Fremde Schiffe sah ich nur kurz aus der Ferne, konnte keine Einzelheiten ausmachen.

Marstal

Es war noch früh am Morgen als ich in den Hafen von Marstal einlief. Der Wind war in den letzten Minuten fast eingeschlafen. Auf der freien Wasserfläche bei Thomsen & Thomsen A/S schoss ich mit letzter Fahrt auf und nahm die Segel weg. Der große Drache des Restaurantschiffes glotzte mich an, die Werftarbeiter waren dabei den Kopf zu montieren. Ich tuckerte in den Yachthafen.

"Meine" Box an Steg 9 war leer, ebenso die daneben. Ich machte fest, klarte auf. Ich schaltete die Nachrichten ein. Es war der 15. Juli 2003, 6:00 Uhr  morgens. Genau die Zeit zu der ich losgefahren war, oder? Ich schlug das Bordbuch auf um mich zu vergewissern. Aber die Seite für den 15. Juli war leer, ebenso wie die folgenden. Heute würde ich jedenfalls nicht auslaufen....

Ich blieb mehrere Tage in Marstal. Immer wieder prüfte ich den Himmel: das Flimmern im Norden war und blieb verschwunden. Da fuhr ich wieder los, verbrachte ein paar wunderbare Wochen in der "Dänischen Südsee". Ich hoffte  das rote Folkeboot werde eines Tages irgendwo am Steg liegen, aber Andersen tauchte nicht wieder auf. Nachforschen, womöglich eine Suchanzeige aufgeben, wollte ich nicht. Was hätte ich erzählen sollen? Sollte man mich für verrückt erklären?

Lange grübelte ich darüber, ob ich überhaupt meine Erinnerungen an die Zukunft aufschreiben und veröffentlichen sollte. Vielleicht würden sich Menschen melden, die Ähnliches erlebt hatten. Es mussten doch noch mehr Leute in den Zeitwirbel geraten sein? Aber die dachten  sicher wie ich – keiner will sich als geistesgestört offenbaren.

Würde ich mit dem Aufschreiben meiner Erinnerungen gegen die Kausallogik verstoßen? Was würde geschehen? Ich überdachte, was Andersen mir gesagt hatte, und kam zu dem Ergebnis: Nichts würde geschehen. Denn ich würde mich sowieso an nichts erinnern, was die Zukunft beeinflussen könnte. Wenn jemand durch einen Zeitwirbel gegangen ist, kann er sich nur an das erinnern, was unweigerlich wahr wird. Spökenkieken, Hellsehen, Wahrträume, Prophezeiungen – sind das die Ergebnisse großer oder kleiner Zeitwirbel? Das Auffällige ist ja: Die Prophezeiung wird wahr, auch wenn man sich dagegen wehrt. Ob man die Prophezeiung ernst nimmt oder nicht, die Zukunft ist nicht zu verändern. Unsere großen Dichter wussten das: Troja geht unter, Ödipus erschlägt seinen Vater, Macbeth stirbt von der Hand dessen den kein Weib gebar.

Andersherum: wenn wir aus schweren Träumen erwachen, wenn wir wissen wie ungeheuer wichtig das im Traum Erlebte für uns ist und wir uns doch an nichts erinnern können – sind wir durch einen Zeitwirbel gegangen und dürfen uns nicht an die Zukunft erinnern, weil wir versuchen würden sie zu ändern?

Also: Alles was ich erinnere an den großen Zeitwirbel, darf ich erzählen. Was ich nicht erzählen darf, habe ich vergessen. Vielleicht habe ich ja noch viel mehr erlebt, vielleicht war ich doch in Assens.

Alles, was ich erinnere und aufschreibe, kann die Zukunft nicht beeinflussen. Nichts und niemand kann die Zukunft daran hindern, sich genau so zu ereignen, wie ich sie erinnere. Meine Leser werden fest davon überzeugt sein, dass es sich um einen frei erfundenen Geschichte handelt, und sich weiter keine Sorgen um die Zukunft machen. Oder etwa nicht? Na also!