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Kentauren

1
In der Mitte des 22.Jahrhunderts war der Konsolidierungsprozess in der Bioindustrie weit fortgeschritten. Es gab noch ein paar kleine Außenseiter die man als Ideenschmiede schätzte, aber beherrscht wurde das Geschäft von zwei großen Imperien, die in einigen Bereichen konkurrierten (restaurative und reproduktive Genetik),  in anderen sich eine Monopolstellung erarbeitet hatten. Ihre Wissenschaftler standen sich in nichts nach, die Kunst gentechnischer Manipulationen beherrschten sie gleichermaßen.

WORLWIDEBIOTECH hatte als Sondergebiet die Entwicklung, Vermehrung von Nutzpflanzen und Nutzvieh. Ihnen war es zu verdanken, dass die Welt 13 Milliarden Menschen zu ernähren vermochte.

BIOFUTURE dagegen hatte als besonderes Geschäftsfeld die Entwicklung und Vermehrung von "Tieren mit gehobener Intelligenz", meist auf Affenbasis, man nannte sie auch "Biorobots", die man für einfache Arbeiten einsetzen konnte und die mit Haushaltrobotern konkurrierten, und die Entwicklung von "Pets", Haus- und Schoßtieren, sowie seit ein paar Jahren von mythologischen Wesen mit denen sich die Superreichen umgaben – Nymphen, Faune, Geflügelte Zwerglöwen und ähnliches.

An der Spitze von WORLDWIDEBIOTECH stand als unumschränkter und ge-fürchteter Herrscher Glen Hanson, bei BIOFUTURE führte Ming Lang-Lang ein weniger auffälliges, aber nicht weniger hartes Regiment. Hanson war laut, of-fen aggressiv, extrovertiert, zeigte seinen Reichtum gerne, war ein leidenschaftlicher Reiter, besaß auch zahlreiche Rennpferde , hatte sechs Ehefrauen und unzählige Konkubinen zerschlissen und sprach angeberisch von der großen Schar seiner Kinder. Hinter vorgehaltener Hand sagte man von ihm er sei halb Mensch halb Tier.  Ming Lang-Lang hingegen lebte zurückgezogen, von seinem Privatleben wusste man so gut wie gar nichts, nicht einmal ob er Kinder hatte war bekannt. Im Geschäftsgebaren hingegen waren sie sich schon ähnlicher, der eine sah im anderen den Konkurrenten und Erbfeind, sie bekämpften sich mit allen legalen Mitteln – oder sollte man richtiger sagen: mit allen der Verfolgung durch die Justiz nicht zugänglichen Methoden?

Als Glen Hanson auf einer Party sich zu einem faden Scherz über Ming Lang-Langs mutmaßlichen Bedarf an reproduktiver Genetik hinreißen ließ und die Geschichte ihren Weg in die Klatschpresse fand, artete das Verhältnis in einen offenen Geschäftskrieg aus. Der Kampf zog sich zwei Jahre hin, und dann lud Ming Lang-Lang seinen Konkurrenten zu einem Treffen ein "um das Verhältnis zu beiderseitigem Nutzen neu zu ordnen", wie er schrieb.

2
Das Treffen fand im Betriebszentrum von BIOFUTURE im indischen Hochland am Fuße des Himalaja statt.  Ming Lang-Lang empfing Glen Hanson am Portal des viele Quadratkilometer großen Geländes. Die Begrüßung zwischen den beiden Tycoonen war vielleicht nicht überschwänglich, doch von ausgesuchter Höflichkeit.

Ming Lang-Lang begleitete seinen Gast zu einer bereitstehenden Kutsche, gezogen von zwei fuchsfarbenen Kentauren. Das Gespann galoppierte die lange Auffahrt zum Verwaltungsgebäude  hinan, das auf einer kleinen Anhöhe thronte. Glen Hansons Gefolge folgte in gebührendem Abstand, darunter eine kleine Schar ausgesucht hübscher Dryaden. Die grünhäutigen, grünhaarigen Tänzerinnen waren das einzig wirklich erfolgreiche Produkt von Hansons Anstrengungen, es BIOFUTURES mit der Entwicklung mythologischer Figuren gleichzutun. Hanson brachte sie als Gastgeschenk mit.

In der Mitte der großen Eingangshalle zog ein ungewöhnliches Kunstwerk die Augen Hansons auf sich. Nicht dass er ein großer Kunstkenner war, das nun nicht, aber diese Installation war berühmt. Da schwebte, etwas unter Lebensgröße, die Marmorfigur eines Kentauren mit hinter dem Rücken gefesselten Armen; auf seinem Rücken ritt ein geflügelter Eros und streckte die Hand aus um sein Reittier den Lockenkopf zu zausen. Darum herum schwebten halbtransparent die räumlichen Bilder menschlicher Chromosomen; aus einem drang die Doppelhelix hervor.

Hanson hielt seine Begeisterung nicht zurück, Ming Lang-Lang neigte bescheiden den Kopf und erklärte:

"Es war nicht ganz einfach das Kunstwerk aus Europa hierher zu schaffen. Die Plastik ist römischen Ursprungs, stand viele Jahre im Louvre in Paris, bekannt unter dem Namen "Kentaur Borghese", nach ihrem Fundort. Wir mussten den Baumstamm, der den Kentauren stützte, entfernen und seinen Körper aushöhlen damit Platz für die Schwebetechnik war. Das gab Proteste von traditionsbewussten Kunstfreunden, aber wir haben uns nicht daran gestört. Mit dem Ergebnis sind wir sehr zufrieden."

"Es ist großartig!" bestätigte der ehrlich beeindruckte Glen Hanson.

3
Nach einem leichten Mittagsmahl, aufgetragen von einer Schar dienstbeflis-sener Biorobots, und nach einer Ruhestunde zeigte Ming Lang-Lang am späten Nachmittag seinem Gast das Außengelände. Da waren die großen Wasserbecken mit den Nixen, Najaden und Meermännern; die Gehege der Greifen; die Zwinger der Markuslöwen. Zwei der possierlichen Tiere jagten sich um das offene Geländefahrzeug herum in dem Ming Lang-Lang und Glen Hanson fuhren: Kaum größer als Pekinesen, mit zotteliger Mähne und einem Flügelpaar mit dem sie ziemlich nutzlos flatterten.

"Eigentlich sind sie Unfug, " gab Ming Lang-Lang zu, "aber als dekorative Haustiere sind sie sehr erfolgreich."

Sie passierten die "Dörfer" der Biorobots, die Hütten der Faune, die großen Laborgebäude. Hanson hätte gerne die Labors gesehen, aber Ming Lang-Lang verschanzte sich hinter extremen Hygienevorschriften.

"Ok – Betriebsgeheimnisse! Kann ich ja verstehen!" lachte Hanson. "Aber was ist denn eigentlich so besonderes an der Herstellung von Chimären?"

"Sie haben recht, an der Herstellung von Chimärenkörpern ist eigentlich gar nichts besonders. Die Schwierigkeit liegt darin den Chimären das richtige Maß an Intelligenz zu geben, und die richtige Mischung von menschlichem und tierischem Verhalten. Das gilt für die Biorobots genauso wie für die Chimären. Nehmen Sie nur das Sprachverständnis: Diese Wesen sollen einerseits unsere Sprache viel besser verstehen als zum Beispiel ein Hund, damit wir ihnen detaillierte Handlungsanweisungen geben können, sie sollen aber andererseits nicht über ihre eigene Existenz nachdenken können, das könnte zu Depressionen oder Revolution führen...Oder stellen Sie sich vor was ein eifersüchtiger Kentaur anrichten könnte ......"

Glen Hanson erinnerte sich nur zu gut an das Blutbad in seinem eigenen Labor, als ein Faun Amok lief. Das Programm wurde damals eingestellt. Spielte sein Gastgeber auf diesen schmerzlichen Rückschlag  an?!

Sie kamen an den großen Weiden der Kentauren vorbei, aber es war keiner zu sehen. Ming Lang-Lang erklärte:

"Wir haben sie zum Füttern hereingeholt. Beim Verdauungsapparat mussten wir Kompromisse machen: Wir füttern sie mit Haferflocken und ähnlicher Kraftnahrung, die Weiden sind nur zum Auslauf. Wir gehen jetzt in die Stallungen".

In den hohen Hallen mit taghell leuchtender Decke schritten sie an den Stallungen entlang. Ming Lang-Lang wies mit leiser Stimme seinen Gast auf besondere Tiere hin, erklärte wie man versuchte die besonderen Wünsche der Besteller durch geeignete Wahl des Pferde- und des Menschenerbes zu erfüllen.

"Sogar die Charaktereigenschaften können wir beeinflussen!  .... Es entsteht eine große Anzahl von Varianten. Jedes Tier wird ja gesondert hergestellt. Die Stuten werden regelmäßig rossig, und die Hengste springen, aber es gibt keine Nachkommen. -  Alles müssen wir selber machen!" fügte er schmunzelnd hinzu.

"Hier, schauen Sie diesen Hengst an! Wir nennen ihn "Goliath", er ist der größte Kentaur den wir jemals hergestellt haben. Der Pferdeteil stammt vom Shire Horse, einer alten englischen Streitross-Rasse. Der menschliche Anteil stammt aus Afrika!"

Ein Blick auf den mächtigen fast schwarzen Körper, das breite Gesicht mit der flachen Nase, die schwarze Mähne aus buntdurchflochtenen Rastazöpfchen, bestätigte die afrikanische Herkunft.

"Und hier unser schönstes Tier. Der Pferdeteil ist eine Andalusierstute, im Menschenteil haben wir schwedisches Erbmaterial verwendet."

Es war wirklich eine wunderschöne Kentaurin. Nicht schwer und nicht sehr groß war sie, aber muskulös, elegant tänzelte sie in ihrer Box. Weiß wie Schnee glänzte das Fell. Weiß war auch die Haut ihres menschlichen Anteils, feste Brüste hatte sie, schlank war der Hals und edel das Gesicht mit den blauen Augen. Strohblond wehte ihre lange Mähne.

"Unglaublich, wie schön sie ist! Man könnte sich in sie verlieben....."

Er fasste sich unwillkürlich an den Schritt.

"Sie heißt "Scheherazade"! Gefällt sie Ihnen? Das ist gut, das macht mich glücklich. Sie ist mein Gastgeschenk für Sie!"

Glen Hanson bedankte sich überschwänglich. Ming  Lang-Lang wehrte ab:
"Ein kleine Aufmerksamkeit, mehr nicht! Morgen früh, nach dem Frühstück, bevor wir mit den Verhandlungen anfangen, ist Zeit genug sie zu reiten. Jetzt wollen wir uns auf das Abendessen vorbereiten. Wir werden ein kleines Unterhaltungsprogramm haben."
 

4
Ming Lang-Lang schaute von der Terrasse des Gästehauses zu, als der Ritt-meister "Scheherazade" heranführte und Glen Hanson einwies, der – obgleich großer Herrenreiter - noch nie einen Kentaur geritten hatte – er hätte damit ja seinem Konkurrenten Ehre erweisen müssen .....

"Es gibt kein  Zaumzeug, keine Zügel. Ein Kentaur wird nur durch das gesprochene Wort geführt. "Scheherazade" hat ein gutes Sprachverständnis, sie ist sehr folgsam."

Er unterließ den Hinweis dass die Kentaurin in der Rosse war – "Irritiere den Gast nicht!" hatte sein Arbeitgeber ihm geboten.

5
Noch nie hatte Glen Hanson ein solches Pferd geritten. Kraftvoll und geschmeidig waren "Scheherazades" Bewegungen, erotisch geradezu! Und sie gehorchte aus Wort. Ein Genuss!

Glen Hanson wandte seine Aufmerksamkeit dem Frauenkörper dicht vor seinem Gesicht zu. Welch reine zarte Haut! Welch geschmeidige Formen! Er ließ seine Hände von ihren Schultern bis zu den Hüften gleiten. Die blonde Mähne wehte ihm ins Gesicht. Seine Hände tasteten sich um den Frauenkörper, legten sich auf die Brüste, streichelten sie, umfassten sie. Er fühlte Erregung in sich aufsteigen.

Die anderen Kentauren waren jetzt in den Freigehegen. Glen Hanson entdeckte die massige Form "Goliaths". Den wollte er sich noch einmal ansehen. Welch ein Paar, "Scheherazade" und "Goliath"!
 

6
"Langsam... Schri-i-itt!" Glen Hanson lenkte "Scheherazade"  auf das Gehege des großen Kentauren zu.

"Unglaublich ... gigantisch!" Glen Hanson ließ seiner Bewunderung freien Lauf.

 "Goliath" stand ganz still. Das Morgenlicht ließ das tiefschwarze Fell des Rumpfes ebenso wie den schwarzen Menschenkörper  aufglänzen. Ruhig hob und senkte sich die mächtige Brust. Im Gesicht bewegten sich nur die Nasenflügel.

Glen Mason hielt noch immer den Frauenkörper "Scheherazades" umschlungen.  Seine Finger spielten an den harten Brustwarzen.  Plötzlich warf "Scheherazade" den Kopf zurück und ließ  ein kurzes Schnauben hören. Sie hob den Schweif, urinierte.

In "Goliath" kam Bewegung. Er stieß ein heftiges Wiehern aus, trabte im Kreis, es war als nehme er Anlauf, mit all seiner Masse warf er sich gegen das Gatter dass es krachend zersplitterte.

Der schwarze Kentaur galoppierte auf "Scheherazade" zu. Nackte Angst griff nach Glen Hanon. Er wollte fliehen, schrie "Scheherazade" an, trommelte auf ihre menschlichen Schultern, aber die Stute wendete nur ihr Hinterteil dem heranstürmenden Hengst zu. Glen Hanson sah über die Schulter wie das ungeheure Tier sich erhob, er wollte sich aus dem Sattel gleiten lassen, aber "Goliaths" rechte Vorderhand kam herunter wie ein Schmiedehammer und zerschmetterte ihm den Schädel.

Ming Lang-Lang sah es von weitem. Ein leichtes Lächeln spielte um seinen Mund, aber seine Augen blickten kalt.

"Das kommt davon wenn man unbedingt eine rossige Stute reiten will ...." murmelte er.

Dann rief er seinen Rittmeister.

4
Die auf Glen Hansons Tod folgenden Diadochenkämpfe in WORLDWIDEBIOTECH konnte Ming Lang-Lang listig für sich nutzen; er brach Teile des "feindlichen" Imperiums heraus und baute sie in sein BIOFUTURE ein, insbesondere konnte er die Nutztierentwicklung  übernehmen; er erweiterte sie erfolgreich auf den Bereich Wal- und Delfin -Farming.