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Vulkanasche
1Der Kommandant des Forschungslandefahrzeuges "Explorer 15" erhob sich zu einer kleinen Ansprache an die versammelte Besatzung.
"Männer, Frauen, Neutros und Seraphen! Mit der Landung auf diesem Planeten geht unsere Mission zu Ende. In dem uns zugewiesenen galaktischen Sektor haben wir 34 vorweg als aussichtsreich identifizierte Planeten besucht. Bei zweien waren die intelligenten Arten doch schon an der Labang'schen Zivilisationserschöpfung ausgestorben. Fünfmal erwiesen sich die Arten als so weit entwickelt, dass wir uns jeden Eingriffs enthalten haben. Bei den restlichen 27 haben wir die aufgetragenen Maßnahmen zur Stimulation der Intelligenzentwicklung durchgeführt, so auch auf dem Planeten, den wir in ein paar Stunden verlassen werden.
Dieser unser letzter Planet zeichnet sich aus durch eine ungewöhnliche Verteilung kleiner Landmassen in einem übergroßen H2O-Meer; durch geologische Instabilität mit Vulkanen und so fort; durch eine außerordentliche Variabilität in Klima und Wetter; durch einen hohen Sauerstoffgehalt in der Atmosphäre, welcher die Entwicklung offenen Feuers begünstigt – alles Herausforderungen – Stimulantien! - für die Intelligenzentwicklung.
Bei den für eine Weiterentwicklung der Intelligenz infragekommenden Tierarten dieses Biotops hier liegt durch die Vier-Gliederigkeit ein bedeutsames Hindernis vor. Erstaunlich, wie die Evolution damit fertig wird: Die höchstentwickelten Tiere balancieren geschickt auf zwei Beinen, wodurch die vorderen Extremitäten als Manipulatoren frei sind."
Er wies auf den Außenbildmonitor hin, auf dem zu sehen war wie zwei große und eine kleine Gestalt gar nicht ungeschickt ins Tal hinabstiegen - aufgerichtet auf die Hinterbeine!
"Schön sind sie nicht, diese unförmigen, braunen, zotteligen Gestalten, und ihr Grunzen und Schnattern ist für unsere Ohren wahrlich kein Genuss – aber dennoch: wenn unsere Maßnahmen Erfolg zeitigen, wird in nur ein bis zwei Hundertstel eines galaktischen Umlaufs aus diesen Wesen eine Art entstehen, die sich den Weltraum erobert ......
Ok, werfen Sie einen letzten Blick auf die zukünftigen Raumfahrer und dann an die Startvorbereitungen! In 25 Zeiteinheiten werden wir zum Rendezvous mit unserem Mutterfahrzeug starten."
2
Die Sonne war schon untergegangen, die ersten Sterne kamen heraus. Die Dämmerung war in dieser Gegend nur kurz, bald würde es Nacht sein.
Eine kleine Gruppe Zweifüßler stapfte über die Aschefläche. Der Wind hatte den feinen Vulkanstaub in der Niederung zusammengefegt. Ein leichter Regen war gefallen. Das Gehen in der feuchten Masse war mühsam. Aber es gab keine andere Möglichkeit die andere Seite des Tales zu erreichen, wo sie auf halber Hanghöhe, unter der auffälligen Gruppe von Schirmakazien, zuletzt mit ihrer Gruppe zusammengewesen waren – bevor der unbegreifliche Traum begann.
Es waren zwei Erwachsene und Jungtier. Voran schritt das männliche Tier; um sich das Gehen etwas einfacher zu machen, folgte das trächtige Weibchen genau in seinen Spuren.
Das weibliche Jungtier lief an der Seite seiner Mutter, versuchte mit den Erwachsenen Schritt zu halten. Einmal blieb es kurz stehen: Ein Grollen wie ferner Donner war an seine Ohren gedrungen. Als es sich zurückwandte, dahin, wo sie am frühen Nachmittag losgelaufen waren, sah es ein helles Licht zum Himmel aufsteigen. Das Muttertier trieb mit einem Grunzen zur Eile an.
Ein heller Stern zog langsam eine gerade Bahn über den Himmel, durchkreuzte die Milchstraße. Die drei beachteten ihn nicht.
3
Am nächsten Tag buk die Sonne die feuchte Asche zu einer festen Masse zusammen. Wenige Wochen später bedeckte ein neuer großer Ascheregen das Gelände. Bei jedem neuen Ausbruch des Vulkans wuchs die Ascheschicht; war der Vulkan ruhig, so siedelten sich Pflanzen an. Erosion durch Wasser und Wind setzte ein und trug die Ascheschichten langsam wieder ab.
4
Es war ein heißer Tag in jenem Teil des ostafrikanischen Grabens gewesen den man Rift Valley nennt. Jetzt war die Sonne schon untergegangen, die ersten Sterne kamen heraus. Die Dämmerung war hier nur kurz, bald würde es Nacht sein.
Die beiden Paläontologen aus der Truppe der Anthropologin Mary Leaky hatten einen frustrierenden Tag hinter sich, rein gar nichts hatte ihre Suche gebracht. Aber das war nichts Neues, damit wussten sie umzugehen. Jetzt waren sie auf dem Rückweg zum Lager, unweit des Ortes Laetoli, von wo man den Vulkan Sadiman gut sehen konnte, dessen Auswürfe seit Jahrmillionen die Landschaft geprägt hatten. In einem Anfall von jugendlichem Übermut hob einer der beiden Forscher eine Kugel vertrockneten Elefantenkotes auf und warf sie dem vorangehenden ins Kreuz. Ein Duell mit Elefantendung entbrannte. Beim Ausweichen verlor einer der beiden das Gleichgewicht, fiel zu Boden – und sah direkt vor seiner Nase einen Fußabdruck – nicht menschlich, nein, dafür waren die Zehen zu lang – aber doch fast – der große Zeh stand parallel zu den anderen! Professor Andrew Hill von der Yale University hatte die Entdeckung seines Lebens gemacht. Man schrieb das Jahr 1978.
5
Die Spur wurde sorgfältig freigelegt - fast 30 m Spur – fast 70 Fußabdrücke – da gab es kein Deuteln: jemand - etwas - war hier auf zwei Beinen entlang gegangen. Da waren große Fußabdrücke; genaues Hinschauen offenbarte dass ein zweites Wesen genau in die Spuren eines voran gegangen getreten war, und daneben lief eine kleinere Spur. Aufrecht gehende Wesen: eine Familie Australopithecus afarensis war das! Lucy's Art! Erst wenige Jahre zuvor, gar nicht so weit entfernt, hatte man "Lucy" gefunden; der Bau ihrer Beckenknochen ließ keinen Zweifel, dass sie aufrecht ging wie ein Mensch. Das Gehirn freilich war noch etwas klein, ein richtiger Mensch war das noch nicht gewesen - noch kein Homo. Die Altersbestimmungen passten zusammen: 3,5 Millionen Jahre war das etwa her.
6
Mary Leaky und Andrew Hill standen bei der Spur und überschauten sie ein letztes Mal. Morgen würde sie zum Schutze wieder abgedeckt werden. Die Nacht war schon hereingebrochen, aber das Licht der unzähligen Sterne reichte um die Spur zu erkennen. Ein heller Lichtpunkt zog schnurgerade über den Himmel, durchkreuzte das schimmernde Band der Milchstraße.
"Ein Erdsatellit?"
"Ja – ein Satellit!"
Nach kurzem Schweigen nahmen sie ihr Gespräch wieder auf:
"Ist das nicht phantastisch: Vor dreieinhalb Millionen Jahren sind drei Afarensis hier entlang gelaufen, vielleicht um die gleiche Zeit, unter den gleichen Sternen die wir heute sehen – in dreieinhalb Millionen Jahren hat sich da nichts geändert."
"Fast nichts: wir haben eigene Sterne in den Himmel gesetzt. Die Afarensis hinterließen ihre Spuren im Vulkanstaub - wir drücken unsere Spuren in den Staub des Mondes. Kaum dass unsere Art entstanden ist, verlassen wir die Erde! Eines Tages werden wir den Weltraum durchqueren, die Galaxis erforschen....... Ob wir die ersten sind?"