
Kollateralschaden
1Der Präsident erwachte, geweckt vom Zentralcomputer seines Palastes.
"Guten Morgen, Herr Präsident! Wie wollen Sie den Tag beginnen?" meldete sich die samtweiche Computerstimme.
"Das Übliche!" beschied der Präsident knapp (er war stolz auf seine Fähigkeit zu schnellen Entscheidungen), erhob sich und begab sich hinüber in das Körperzentrum. Zufrieden mit seiner Verdauung trat er vor den Spiegel, ließ sich computergesteuert mit dem Nanorasierer die dunklen Bartstoppeln entfernen, und stellte sich dann unter die Dusche, die ihn mit zärtlichen Wellen massierte. Wohlig grunzend baute er sich wieder vor dem Spiegel auf wo ihn leicht parfümierte milde Luftstrahlen abtrockneten. Gleichzeitig registrierten Telesensoren die körperlichen Funktionen des Präsidenten, und die Computerstimme bestätigte ihm: "Sie sind in guter Form. Herr Präsident. Ihre Libido ist heute stark." Der Präsident grinste – er dachte an seine Freundin Katja. "Heute eine Extra-Portion Deodorant!" befahl er, und der Computer veränderte die Einstellung des Trockners. Der Präsident konnte nicht wiederstehen, nackt wie er noch war, seine "öffentliche Haltung" einzunehmen: die Brust herausgestreckt, die Arme etwas seitlich vom Rumpf wie ein Cowboy der bereit ist seine Revolver zu ziehen (Er hatte das von einem fast vergessenen Vorgänger abgeschaut, und der hatte es aus drittklassigen Westernfilmen).
Der Zentralcomputer sorgte für dem Tagesprogramm angemessene Kleidung. Gut gelaunt begab sich der Präsident zum Frühstück. Er bestellte sich "ein echtes Steak, kein Nanokompilat!" und verschlang es mit Appetit.
Sein persönlicher Adjutant meldete sich und wurde eingelassen. Sie sprachen das Tagesprogramm durch. Als sie schon gehen wollten, erschien die Ehefrau des Präsidenten verschlafen in der Tür. "Warum kann sie sich nicht ein wenig nett zurecht machen?!" dachte der Präsident, drückte ihr einen Kuss auf die Lippen, verkündete "Es kann heute sehr spät werden!" und verließ mit seinem Adjutanten den Palast, abgeschirmt durch die üblichen Personenschützer.
2
Computergesteuert jagte der Wagen des Präsidenten durch die Stadt zum Verteidigungsministerium. Der große Verteidigungsrat hatte heute eine bedeutende Entscheidung zu fällen: Sollte präventiv ein Angriff mit Nano-Agenten auf die Hauptstadt von ..... erfolgen, dessen Regime man der Weltherrschaftsambition verdächtigte?Der riesige Tisch im Großen Sitzungssaal hätte sicher mehr als 50 Personen Platz geboten, aber nur 18 waren heute versammelt, die höchsten Verantwortungsträger des Staates. Natürlich hätten sie ebenso gut auf Monitoren zugeschaltet werden können. Aber vor Jahren hatte ein General einmal ein elektronisches Double auftreten lassen, während er selbst zur gleichen Zeit einen Putsch versuchte – letztlich vergeblich, aber immerhin... Seitdem war bei den wichtigsten Entscheidungen persönliche Anwesenheit gefordert, und durch Überprüfung der Identitätsimplantate wurde sichergestellt dass kein Klon anwesend war.
Der Verteidigungsminister leitete die Runde. Zunächst gab er das Wort dem Projektleiter "Nano-Agenten", der den Stand des Vorhabens kurz referierte, unterstützt von holographischen Illustrationen:
"Dank des mit höchster Priorität und unbeschränkten Mitteln ausgestatteten Geheimprojektes 20/2 ist ein großer Durchbruch gelungen...
Auf der Molekülebene wurden Konstrukte für die Aufgabe als Nano-Agenten entwickelt, die in der Lage sind, mit einer Taktzeit von zwölf Stunden sich selbst zu reproduzieren .... so dass aus einem einzigen Exemplar in einer Woche 16000, in zwei Wochen 260 Millionen, in vier Wochen 4 Billionen werden .... präziser: wurden....
Diese Zahl wird für einen effektiven Angriff auf eine Großstadt als völlig ausreichend erachtet...
Ein geladener Dispenser steht bereit .....
Zu einem Angrif werden die Nano-Agenten, welche die Größe feiner Staubkörner haben, über der feindlichen Stadt zerstreut; diese Aufgabe übernimmt der Dispenser ...
Wo immer sich der "Staub" absetzt - die Nano-Agenten im Umkreis von 500m schließen sich zu einem Netzwerk zusammen, spionieren die Computerlandschaft in ihrer Umgebung aus ...
Ist wenigstens eine Million von ihnen in einem solchen Netzwerk vereinigt, dann sind sie in der Lage alle Schutzmaßnahmen zu durchdringen und die Computer zu chaotisch-sinnwidrigen Aktionen zu veranlassen ...
Die Nano-Agenten bewirken damit eine schwerwiegende Störung des gesamten privaten und öffentlichen Lebens auf Tage und Wochen sowie eine dauerhafte Verunsicherung ...
Die Nano-Agente lösen sich nach durchgeführter Mission auf, spätestens 24 Stunden nach ihrer Freisetzung, und sind dann auf keine Weise mehr nachweisbar ..."
Die Sicherheitsberaterin wies auf die Gefahr hin die von der moralisch haltlosen Regierung des Landes ... ausging. Je früher man das Vertrauen der Bevölkerung in diese Regierung erschüttern konnte, desto besser. Regime des Bösen wie dieses musste man destabilisieren bevor sie weltweit aktiv werden konnten.Der Chef des Generalstabes erläuterte dass mit der Stealth-Drone "Shadow 5" das ideale Instrument zur Ausbringung der Nano-Agenten verfügbar war. Einer der neuen Surface-Skimmer-Kreuzer konnte den Flugkörper innerhalb von drei Tagen in Startposition bringen. Der Skimmer SSK 122 lag für diese Aufgabe bereit. Der Agentendispenser musste nur vom Entwicklungslabor in den nahen Hafen gebracht werden. Der Chef des Generalstabes empfahl unverzügliche Aktion.
Ähnlich positiv äußerten sich die anderen Anwesenden, lediglich Abraham Lee, der Rechtsberater des Präsidenten, erhob Einwände. Er hatte seine Laufbahn mit einem Doppelstudium der Informatik und der Rechtswissenschaften begonnen, war ein erfolgreicher Patentanwalt gewesen, hatte sich dann in der Partei hochgearbeitet. Der Präsident schätzte seinen umfassenden Sachverstand, fragte sich aber immer wieder ob die Ernennung des Herrn Lee nicht doch ein Fehler gewesen war. Der Mann erwies sich häufig als lästiger Bedenkenträger. So auch heute:
"Wird es bei einer solchen Aktion Personenschäden geben?" fragte er.
"Personenschäden sind nicht das Ziel der Aktion!" lautete die Antwort. "Nicht einmal die angesteuerten Computer werden einen dauerhaften Hardware-Schaden erleiden. Es ist mehr wie einen gigantische Computerviren-Attacke, so wie 2024, die das gesamte Leben eines komplizierten Gemeinwesens und Wirtschaftssystems auf Wochen hin schädigt."
"Kann es dabei zu unbeabsichtigten Nebenwirkungen kommen?" insistierte Abraham Lee.
"Das kann man nicht völlig ausschließen."
"Zum Beispiel?"
"Ein gestörter Computer könnte irgendwo einen Kurzschluss auslösen mit der Folge eines Feuers ...."
"Und in dem Feuer könnten auch Menschen sterben?"
"Könnten – ja. Aber es ist nicht das Ziel."
"Könnten die Fahrzeugcomputer gestört werden so dass es zu tödlichen Unfällen kommt?"
"Kollateralschäden solcher Art sind nicht ganz auszuschließen."
"Wir sollen also den Tod unschuldiger Menschen billigend in Kauf nehmen?"
"Nicht billigend! Wir bedauern solche möglichen Kollateralschäden. Aber die Führung dieses Landes hat noch nie vor harten und mutigen Entscheidungen zurückgeschreckt wenn es um das Wohl dieses Landes und die Freiheit der Welt ging. Wir müssen bereit sein die Verantwortung vor der Geschichte zu übernehmen!"
Es war der Präsident der mit diesen Worten in die Debatte eingriff – und damit war sie eigentlich auch schon zu Ende. Gegen die Bedenken des sich allein sehenden Abraham Lee wurde der unverzügliche Angriff auf die Hauptstadt von ... beschlossen. Schon heute Nachmittag sollte der Dispenser mit den Nano-Agenten zur Marinebasis gebracht werden.
3
Sabotageagent K.F., "Schläfer" im Dienste von ...., erhielt die verschlüsselte Anweisung seines Führers (den er noch nie gesehen hatte) um die Mittagszeit:
"Nach Rücksprache mit dem Auftraggeber erteile ich die Anweisung, das Transportfahrzeug, das heute Nachmittag 17:00 das N-Labor verlassen wird, auf dem Wege zur Marinebasis zu vernichten. Sind Sie in der Lage auf gewisse Distanz in den Steuerungscomputer des Transportfahrzeuges einzugreifen?"K.F. antwortete mit einem klaren "Ja!". Als Hochschulprofessor und anerkannter Experte auf dem Gebiet der Informatik war ihm das allgemeine Prinzip natürlich vertaut. Er hatte aber diese spezielle Steuerung eingehend studieren können, als ihm sein Führer seinen eigenen Wagen für ein paar Stunden zwecks Analyse überließ. Sein Führer musste ein verdammt hohes Tier sein!
4
Um 17:23 Lokalzeit bewegte sich das mit dem Agentendispenser beladene Transportfahrzeug mit hoher Geschwindigkeit auf der Küstenstraße in Richtung Marinebasis, als der Steuerungscomputer anfing verrückt zu spielen. Den beiden Fahrern gelang es nicht das Problem in den Griff zu bekommen. Das Transportfahrzeug durchbrach die Begrenzungsmauer und stürzte, mehrfach sich überschlagen, den Steilhang hinab. Dabei wurde der Dispenser mit den Nano-Agenten aufgerissen. Der Wind erfasste die Wolke feinen Staubes und trieb sie die Küste entlang auf die Hauptstadt zu.
5
Der Präsident kehrte nach einigen Routinegeschäften (darunter die Lieferung leichter Atomwaffen an diverse mit einander kämpfende afrikanische Staaten) und einem interessanten Vortrag (Über die Gefährdung asiatischer Küstenstädten durch künstliche Tsunamis) nicht in seinen Palast zurück. Er entließ die Personenschützer (die ihm freilich, ohne sein Wissen, in diskreter Distanz folgten), bestieg mit seinem Adjutanten einen unauffälligen Wagen und ließ sich bei einem zwischen anderen Villen schön an der Küste gelegenen Haus absetzen – seinem Liebesnest. "Früher konnte sich ein Präsident einfach die Hose aufknöpfen und eine Praktikantin heranwinken! Das waren noch Zeiten!" Er musste in seinem moralinsauren Land jeden Skandal vermeiden. Seine Frau mochte ja etwas ahnen, aber sie sagte nichts wenn "es etwas spät " wurde.
Der Präsident war allein im Hause. Er warf einen Blick durch das große Panoramafenster auf die Silhouette seiner Hauptstadt – Stolz erfüllte ihn. Genoss eine zweite Dusche – "Stärkende Essenzen bitte!" kommandierte er den Hauscomputer. Schaute sich um in dem mit allerlei Antiquitäten eingerichteten Raum: Weiche Teppiche, fließende Vorhänge, bunte Decken und seidene Kissen auf dem Lager... Warf einen Blick auf die nostalgische Uhr: Katja wird gleich da sein! Katja, die Rothaarige, die Unersättliche. Auf einem Gipfeltreffen der demokratischen Staatschefs hatte man sie ihm zugeführt: ein Import aus Russland. Schon zwei Jahre hielt die Verbindung!
Die Decke des Wohnraumes leuchtete plötzlich blendend auf. "Verdammt, ich will schummriges Licht!" fuhr der Präsident den Hauscomputer an. Der antwortete mit einem Hustenanfall.
In der folgenden Stille hörte der Präsident eine Wagentür schlagen. Katja! Er eilte zu Tür, warf aber vor dem Öffnen sicherheitshalber einen Blick auf den Monitor um sich zu vergewissern wer draußen stand. Aber nicht Katja lächelte ihn auf dem Monitor an, sondern die abscheulichste, teuflischste Fratze die er jemals gesehen hatte, grinste ihm entgegen. Er prallte entsetzt zurück.
"Lass mich ein, Süßer, was wartest Du?!" schallte es kreischend und heulend aus dem Lautsprecher. Der Präsident griff sich an die Stirn, alles schien sich um ihn zu drehen.
Die Deckenbeleuchtung flammte wieder auf, begann in immer schnellerem Rhythmus zu pulsen, warf Farbschauer wie Funken in den Raum.... Wie Funken? Nein, wirkliche Funken sprühten jetzt von der Decke. Überspannung? Im Körperzentrum rauschte die Dusche los, Dampfwolken quollen heraus wie giftige Nebel, parfümiert mit allen erdenklichen Essenzen gleichzeitig. Der Trockner heulte auf. Der Hauscomputer, der ein paar Minuten geschwiegen hatte, kreischte los wie ein Wahnsinniger.
Der Präsident taumelte zur Tür: "Lass mich raus!!!" Aber die Tür reagierte nicht. Irgendwo knallte ein Kurzschluss. Aus der Computerzentrale schoss eine Stichflamme. Textilien fingen Feuer.
Der Präsident stürzte zum Panoramafenster, hämmerte mit den bloßen Fäusten dagegen. Aber natürlich war es zum Schutz gegen Attentate von höchster Festigkeit: ein künstlicher Diamant, von Nano-Compilern gefertigt.
Der Präsident erstickte. Seine Augen nahmen noch die große Explosion in der Hauptstadt am Horizont wahr, aber sein Bewusstsein registrierte das Bild nicht mehr.
6
Vierundzwanzig Stunden später lastete eine lähmende Stille über der Hauptstadt. Einige wenige versuchten aufzuräumen, Systeme wieder in Gang zu bringen. Das Schlimmste: die Wasserversorgung war völlig zusammengebrochen. In den nördlichen Vororten stieg immer noch Rauch auf.
Nochmals einen Tag später traf sich der Verteidigungsrat zum ersten Male wieder vollständig, abgesehen natürlich von dem Präsidenten. Man wusste über sein Ende Bescheid, einigte sich aber ihn als "verschollen" zu erklären. Auch über die Ursache des Unglücks war man sich im Klaren, und der Projektleiter sah mit Stolz die Effektivität der Waffe bestätigt. Man beschloss aber die Öffentlichkeit nicht durch die ganze Wahrheit zu verunsichern, sondern gab dem Geheimdienst den Auftrag Gerüchte über einen feindlichen Sabotageakt auszustreuen. Der Leiter das Geheimdienstes, ohnehin amtsmüde, nahm die politische Verantwortung für den nicht verhinderten Sabotageakt auf sich, um die Sache glaubhafter zu machen. Abraham Lee wurde sein Nachfolger.
Und vielleicht war es ja wirklich ein Sabotageakt? Wie konnte die Steuerung des Fahrzeuges mit dem Dispenser versagen? Wer wusste von dieser Fahrt? Die Nachforschungen des Geheimdienstes nach dem einen Agenten, der vier Billionen "Kollegen" aktiviert hatte, liefen ins Leere.