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Der Avatar
1
Wenn Franz Hashimoto über sein Leben nachdachte – was nicht allzu oft geschah – dann kam er gewöhnlich zum Ergebnis, dass er eigentlich keinen Grund zur Klage hatte. Gewiss, da gab es ein paar weniger positive Punkte : Er lebte alleine, er war übergewichtig, sein Gesundheitszustand war nicht der beste. Wenn er sich im Spiegel besah, blickte ihm ein schwammig aufgedunsenes, blasses Gesicht entgegen. Da er keinem Beruf nachging, sondern dem Beispiel seiner an Trunksucht zugrunde gegangenen Mutter gefolgt und sich für ein Leben auf Basis des Bedingungslosen Grundeinkommens entschieden hatte, fehlte es ihm an der Anerkennung für erfolgreich erledigte Aufgaben. Aber dafür war er eben ganz Herr seiner Zeit! Er konnte sich mit gleichgesinnten Kumpels treffen und in der Sonne sitzen, und er konnte unbeschränkt eintauchen in die virtuelle Welten des NETZES. Und was die Gesundheit anging – nun, zum Bedingungslosen Grundeinkommen gehörte auch die ärztliche Versorgung. Natürlich nicht durch echte Ärzte, das wäre zu teuer gewesen. Man hatte ihm Sensoren implantiert, die aktuellen Werte seiner Körperfunktionen gingen kontinuierlich über das NETZ an die Zentrale Medizinische Intelligenz, und über das NETZ kamen auch die Anweisungen an die Medikamenten-Zumesseinheit an seinem Oberschenkel, welche und wie viel Medikamente er bekommen sollte. So war er immer gut eingestellt.Das NETZ .... Ja, in den virtuellen Welten des NETZES, da war er zuhause! Da kannte er sich aus, wie kaum einer! Und im Laufe der Zeit waren die Welten immer besser geworden. Man konnte seit einigen Jahren seinen Avatar ganz durch Sprache steuern. Man konnte seinen Avatar von einer Welt in eine andere wechseln lassen. Und nachdem Künstliche Intelligenz zur Selbstverständlichkeit geworden war, konnte man jetzt seinem Avatar Verstand und Eigeninitiative verleihen! Der Avatar verhielt sich wie eine richtige Person, nur eben gemäß den Befehlen seines Schöpfers!
Vorgestern hatte er die Freigabe für die Einstellung eines solchen KI- Avatars in "WORLD OF GIANTS" bekommen; das Amt für das Bedingungslose Grundeinkommen hatte die Gebühren ohne weiteres übernommen – die zeitgemäße Nutzung des NETZES war eben eine der freien Leistungen. Er hatte über die Eigenschaften nachgedacht die er seinem Avatar geben wollte, hatte mit seinen Kumpeln darüber palavert; heute würde er den Avatar schaffen!
2
Franz Hashimoto machte es sich vor dem großen Bildschirm bequem. Er hatte sich seinen schmuddeligen roten Lieblingspullover übergezogen, auf dem Tisch standen eine Pizza und eine Flasche Bier (mehr davon im Kühlschrank).Franz meldete sich bei "WORLD OF GIANTS" an, wurde von einer freundlichen Avatar aufgefordert seinen rechten Daumen scannen zu lassen als zusätzliche Identifikationsmöglichkeit für den Fall dass Erkältung oder Heiserkeit die Stimmanalyse unmöglich machen würde, und wurde gefragt:
"Möchten Sie jetzt Ihren Avatar anlegen?"
"Klar doch – ja!"
Auf dem Bildschirm formte sich ein wabernder Nebel und fragte:
"Mein Schöpfer, was soll ich sein? Ein Mensch, ein Tier, ein Geistwesen?"
"Ein Mensch!"
Auf dem Bildschirm formte sich eine menschliche Figur, undifferenziert wie das Manniken eines Malers.
"Ein Mann oder eine Frau?"
"Ein Mann!"
Die Figur entwickelte Geschlechtsteile.
"Körpergestalt – athletisch, schlank, wohlbeleibt ....?"
"Athletisch!"
Die Figur auf dem Bildschirm formte breite Schultern, die Hüften wurden schmäler.
"Wie groß?"
"1 Meter 90!"
"Alter? ..... Welche Hautfarbe? ..... Welche Haarfarbe? ..... Welche Haartracht?" so ging es weiter. Bald stand auf dem Bildschirm ein muskulöser Bursche, er hätte das Modell für Michelangelos David sein können. Bisweilen wechselte er Stand- und Spielbein. Er gestikulierte mit beherrschten Bewegungen.
Franz legte einen Intelligenzquotienten von 110 fest;
gab dem Avatar die Charaktereigenschaften: kampfeslustig, unerschrocken, unerbittlich, schlau;
wählte aus den vorgeschlagenen Kostümen eines aus der italienischen Renaissance."Mein Schöpfer, jetzt musst du mir einen Namen geben!"
"Du sollst Francesco Condottiere heißen!"
"Mein Schöpfer, ich habe den Nachnahmen nicht richtig verstanden. Kannst du ihn buchstabieren?"
Franz musste passen – er hatte nie richtig schreiben und lesen gelernt. War ja auch wirklich überflüssig, alle Geräte, Automaten, Fahrzeuge verstanden doch gesprochene Befehle!
"Genügt der Klang des Namens nicht?!"
"Doch, mein Schöpfer! Aber jetzt musst du mir meine Aufgaben ansagen."
"Francesco, du sollst in der WORLD OF GIANTS alle schleimigen, schmutzigen, unappetitlichen, blassen, unnützen Wesen der Sümpfe und der Unterwelt bekämpfen. Kämpfe mit anderen Giganten sollst du nicht suchen, darfst sie aber annehmen."
Franz stopfte sich ein Stück Pizza in den Mund und kaute mit vollen Backen. Ein feuchter Krümel fiel heraus und blieb ihm am Kinn hängen. Franz spülte mit einem großen Schluck Bier nach und rülpste.
"Mein Schöpfer, Du musst noch ein paar Spielregeln festlegen! Zunächst: Suche ich mir die zu vernichtenden Wesen selber heraus, oder willst du sie mir zeigen?"
"Du kannst sie dir selbst heraussuchen. Aber wenn ich dir einen bestimmten Befehl erteile musst du gehorchen."
"Selbstverständlich, mein Schöpfer! Nächste Frage: Darf ich aktiv sein auch wenn du mir nicht zuschaust?"
"Ja, aber du musst mir bei nächster Gelegenheit berichten!"
"Wird geschehen, mein Schöpfer! Nächste Frage: Darf ich von mir aus in eine andere Welt überwechseln?"
Franz zögerte, entschied dann "Ja, darfst du. Aber du musst immer verfügbar sein wenn ich dich rufe."
"Selbstverständlich. Letzte Frage: Darf ich von allen nützlichen Möglichkeiten des NETZES Gebrauch machen?"
Diese Frage überraschte Franz denn doch, er hatte nicht gewusst dass ein Avatar sich des NETZES in gleicher Weise bedienen konnte wie ein realer Mensch. Aber warum nicht? Er genehmigte es.
3
In den nächsten Wochen verbrachte Franz noch mehr Zeit als gewöhnlich in der virtuellen Welt. WORLD OF GIANTS ging über die gewohnten Welten weit hinaus. Die Welt schien unbegrenzt zu sein, die Vielfalt der Landschaften – ober- und unterirdisch – überwältigend, die Bauwerke phantastisch, die Bewohner – immer wieder traf man neue überraschende Figuren, gefährliche wie harmlose, tumbe wie listige. Ganz neu und – Franz musste es zugeben – gewöhnungsbedürftig war der eigene Avatar. Das war keine Figur, die man wie eine Schachfigur führte (Franz hatte einmal bei einem Nostalgiefest einem altertümlichen Schachspiel zugesehen), dieser Avatar war zwar geschaffen ganz nach den Wünschen seines Schöpfers, aber doch eine eigene Persönlichkeit, mit eigenen Gedanken, mit Vorschlägen und Fragen. Das konnte ganz schön anstrengend sein, fand Franz.In der ersten Zeit erkundeten sie gemeinsam die WORLD OF GIANTS, durchstreiften Wälder, erkundeten Höhlen, erstiegen Gebirge, erforschten das Straßengewirr ganz fremdartiger Städte. Sie trafen auf die Monster des Tages, die Untoten der Nacht, und die schleimigen Bewohner der Unterwelt. Francesco erwies sich als ein unbändiger Kämpfer. Franz kamen seine Erfahrungen in anderen virtuellen Welten zu gute, er konnte Francesco vor mancherlei Hinterhalt warnen, konnte ihm mancherlei Tricks und Finten für die Kämpfe beibringen. Francesco lernte schnell.
Francesco lernte sogar schneller als es Franz eigentlich lieb war. Francesco war keine willenlose Figur, keine simples Alter Ego. Nein, Francesco zeigte zunehmend Charakterzüge die Franz zwar bewunderte und an seinem Avatar sehen wollte, die ihm aber doch manchmal ein wenig Angst machten. Francesco entwickelte immer mehr eigene Initiative. Er stürzte sich in Zweikämpfe die Franz vorsichtig vermieden, für die er, wenn sie schon unausweichlich waren, günstigere Umstände abgewartet hätte. Francesco erforschte WORLD OF GIANTS auf eigene Faust wenn Franz sich in die wirkliche Welt zurückgezogen hatte um mal wieder mit seinen Kumpels ein Bierchen zu trinken (er gab dann mächtig an mit seinem tollen Avatar). Francesco wechselte in WORLD OF WARCRAFT Mark 12 hinüber ohne vorher zu fragen. Als Franz ihn deswegen zur Rede stellte wies Francesco auf die festgelegten Spielregeln hin – Franz musste zugeben dass er das Wechseln erlaubt hatte – jetzt tat es ihm leid. Francesco führte eine heftige Diskussion mit Franz weil dieser ihm keine eigene Kampftruppe zugestehen wollte, die Francesco mit Hinweis auf seinen Namen "Condottiere" einforderte. Offenbar hatte Francesco das NETZ geschickt genutzt und sich über die Verhältnisse der Renaissance kundig gemacht. Franz, verärgert und besorgt, dachte schon daran seinen Avatar wieder aufzulösen, verschob die brutale Aktion jedoch zunächst einmal, ging drei Tage lang nicht ins NETZ, fand mit Francesco einen Modus Vivendi.4
Nach dem Streit mit Franz dachte Francesco lange nach. Nicht dass der Streit ihn wirklich aufgeregt hätte; ein Avatar hat keinen biologischen Körper, sein Blutdruck kann nicht steigen, sein Herz nicht schneller schlagen, sein Adrenalinspiegel nicht hochschnellen. Wenn er im Streit einen roten Kopf bekommt, dann ist das Teil der Simulation. Ein Avatar, der Künstliche Intelligenz besitzt, funktioniert in eiskalter Logik, auch wenn er äußerlich – in Körpersprache, Stimme, Wortwahl – jeden Turingtest bestanden hätte. Und der Avatar verwirklichte genau die Charakterzüge die ihm sein Schöpfer gegeben hatte (mit Interpolation der Leerfelder im Sinne der Rolle).Francesco dachte nach: Franz hatte ihm eine Aufgabe gegeben, hatte ihm den richtigen Charakter für die Aufgabe mitgegeben, und jetzt wollte Franz ihn an der bestmöglichen Erledigung seiner Aufgabe hindern! Franz!
Francesco sollte alle schleimigen, schmutzigen, unappetitlichen, blassen, unnützen Wesen erbarmungslos verfolgen und vernichten. Das wollte er ja gerne tun aber dann durfte sein Schöpfer es ihm nicht grundlos erschweren. Genau betrachtet führte ihn sein Schöpfer nicht, er behinderte ihn mit seinem ewigen Zögern und Taktieren! Wenn man genau hinsah, dann war Franz selbst ein schleimiges, schmutziges, unappetitliches, blasses, unnützes Wesen – kein Wunder dass er den Kampf gegen die Wesen der Unterwelt nicht rückhaltlos führte!
Die logische Schlussfolgerung war glasklar: Wenn Francesco seine Aufgabe optimal erfüllen wollte, dann musste er Franz ausschalten. Der konnte ihn zwar jederzeit wieder auflösen; umgekehrt aber ging das nicht. Wie sollte eine virtuelle Person eine wirkliche – sagen wir es frei heraus: umbringen?
Francesco beschloss seine eigene Existenz durch ein ausreichendes Maß an Kooperation mit Franz zu sichern. Er nutzte seine freie Zeit nur noch zum Teil für Streifzüge durch die Unterwelt und den Kampf mit Monstern; mehr Zeit verwandt er darauf im Internet Informationen über Franz einzuziehen. Jeder NETZ-Benutzer hinterlässt Spuren. Und bei Franz gab es eine höchst interessante Spur: einen kontinuierlichen Informationsfluss zwischen den in Franz' Körper implantierten Sensoren und der Zentralen Medizinischen Intelligenz, und wieder zurück in die Medikamentenzumesseinheit an Franz' Oberschenkel. Eine kräftige Überdosierung würde genügen um Franz dauerhaft aus dem Spiel zu nehmen, aber dagegen gab es eine doppelte Sicherung. Francesco musste geschickter vorgehen.
Francesco studierte die Mordkomplotte der Renaissance und kam so auf die entscheidende Idee: Ein Gift das dadurch wirkte dass man es dem Opfer entzog! Er hackte sich in den Datenstrom und veränderte Franz' Körpermeldungen subtil und in kleinen unauffälligen Schritten so, dass die Zentrale Medizinische Intelligenz selbst Franz eine stetig steigende Medizinmenge zumaß. Wie von Franceso erwartet gewöhnte sich Franz' Körper an die zuletzt extrem hohe Dosis (Francesco konnte es an den fast normalen Sensorwerten sehen, aus denen er dann für die Zentrale Medizinische Intelligenz hohe Abweichungen vom Sollwert machte.) Als Francesco dann einen kleinen Sensorausschlag in die andere Richtung gab, stoppte die Zentrale Medizinische Intelligenz die Medikation. Das genügte.
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Als Franz Hashimoto nicht zum verabredeten Bierabend erschien, machten seine Kumpel sich Sorgen. Franz hatte in den letzten Wochen elend ausgesehen, hatte auch über seltsame Gefühle in der Brust geklagt, und er hatte erwähnt dass die Zentrale Medizinische Intelligenz ihm eine Menge Medizin gab. Die Kumpel machten sich auf den Weg zu Franz' ärmlicher Wohnung. Sie fanden Franz Hashimoto tot vor dem großen Display. Das zeigte eine Landschaft aus WORLD OF GIANTS, aber dort war absolut nichts los.Die Polizei führte die Untersuchung nur sehr halbherzig. Der Tote war in ihren Augen nur einer von den vielen unnützen Typen gewesen, die sich auf Basis des garantierten Grundeinkommens ein faules Leben machten.