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Frieden
20. März 2087Max Vanauskas, Leiter des Bereiches "Produktentwicklung – Psychopharmaka" bei WORLDWIDE DRUGS, starrte auf den großen Bildschirm der seinem Arbeitstisch gegenüber an der Wand hing. Dort standen die Ergebnisse des gestrigen Brainstormings zum Thema "Neue Drogen - neue Anwendungen", automatisch erstellt als elektronisches Protokoll. Er hatte mit seinem Team eine kleine Menge Enthemmer und Phantasiebefreier genommen, und das Ergebnis war eine vielversprechende Liste. Jetzt galt es Prioritäten zu setzen für die Forschungsarbeit.
Psychopharmaka waren die großen "Moneymaker" der letzten 20 Jahre. Nach den Schrecken des weltweiten Terrorismus (immer noch nicht endgültig erstickt) und dem Horror des Neu-England- Virus (besiegt?) war der Bedarf an Glücksdrogen und Halluzinogenen groß. Da gab es Drogen die in einen langdauernden Zustand absoluten Wohlbefindens hervorriefen, "Glückspille" genannt (man hatte ihren Gebrauch einschränken müssen weil immer mehr Menschen dazu neigten die notwendigen Mühsale des Tages zu ignorieren und die gesamte Weltwirtschaft in Gefahr geriet); Vanauskas selber hat in seinen frühen Jahren daran gearbeitet. Da gab es andererseits Drogen die über Tage hin jede Müdigkeit unterdrückten und einen wahren Arbeitsrausch hervorriefen (bei Managern und Künstlern beliebt), da gab es Liebesdrogen für Libidoschwache und Angstdämpfer für Extremkletterer, die Militärs hingegen kauften Angsterzeuger und Panikmacher zum Besprühen feindlicher Truppen – die Liste der Produkte war lang, die Gewinne hoch. Aber man musste wegen der Nachahmer immer wieder etwas Neues bringen.
Auf der langen Liste fand Max Vanauskas insbesondere eine Idee interessant : eine Droge zur Unterdrückung jeglicher Aggressivität. Die Idee war nicht neu, es hatte sogar schon – wenig überzeugende – Versuche gegeben, aber hier hatte jemand gleich einen interessanten und neuartigen Hinweis gegeben im Bereich welcher chemischen Verbindungen man suchen müsse. Wer hatte die Idee gehabt? Max Vanauskas konnte sich nicht erinnern, sein Assistent konnte sich nicht erinnern – am Ende gab jeder Teilnehmer des Brainstormings an, von ihm stamme die Idee jedenfalls nicht. Max Vanauskas zuckte die Achseln – so was konnte unter Drogeneinfluss passieren - die Idee jedenfalls war gut – man sollte es probieren! Max Vanauskas gab der Friedensdroge die erste Priorität und ließ die Forschung in der angedeuteten Richtung aufnehmen,
An diesem 20. März 2087 entschied sich das Schicksal der Menschheit.
26. Februar 2113
Die Entwicklung der Friedensdroge verlief überraschend glatt. Die schon im Brainstormingprotokoll vorgeschlagene chemische Verbindung – wie konnte einer nur darauf kommen?! - führte schnell zu einer einsatzfähigen Droge. Das neue Produkt wurde zunächst an Ratten, dann an Mardern, Bären, Stieren, und schließlich auch an Pavianen erprobt. In allen Fällen bewirkte es ein völlig aggressionsfreies Verhalten. Und dies Verhalten war dauerhaft – einmal friedlich, immer friedlich! In Hagenbecks Zoo in Hamburg sah man zuerst einen Tiger und ein Lamm friedlich miteinander spielen; so etwas gab es bald vielerorts zu sehen. Friedliche Bären (früher die gefährlichsten Zootiere) tollten mit den Besuchern der Zoos; auf friedlichen australischen Salzwasserkrokodilen durfte man gegen einen kleinen Obolus drei Runden durch das Becken reiten. Mehr noch: Zur großen Überraschung der Wissenschaft waren die Veränderungen im Verhalten sogar erblich! Natürlich konnte man den freilebenden Tieren ihre Aggressionsfähigkeit nicht nehmen, man hätte das gesamte Gleichgewicht der Natur durcheinander gebracht.
Noch bevor die Droge von der UNO-Gesundheitsbehörde für Menschen freigegeben war, wussten überzeugte Christen sie sich zu beschaffen; hinfort hielten sie ganz selbstverständlich die linke Backe hin wenn man sie auf die rechte schlug. Offiziell eingeführt, wurde die Droge Gewaltverbrechern zunächst auf freiwilliger Basis offeriert, später wurden solche Menschen zwangsbehandelt. Da es keine Rückfalltäter mehr gab, resultierte ein erstaunlicher Rückgang einschlägiger Straftaten. Es blieb jedoch das Problem der Ersttäter.
Am 26. Februar 2113 erhielt Max Vanauskas den Nobelpreis für Medizin. Der Preis wurde ihm in dem Seniorenheim überreicht, in dem er seit einigen Jahren lebte. Er nahm den Preis glücklich glucksend entgegen. Ob ihm die Bedeutung des Vorganges klar wurde ist schwer zu sagen, denn er stand unter dem Einfluss der Wohlbefindensdroge, die man den Heimbewohnern regelmäßig verabreichte – das war weit billiger als eine menschenwürdige Unterbringung oder angemessene Betreuung.
31. Mai 2142
Für die Einsichtigen gab es keinen Zweifel: man musste die ganze Menschheit mit der Friedensdroge behandeln, wenn man ein für allemal Frieden auf Erden schaffen wollte. Es bedurfte aber noch der scheußlichen Vorgänge in Angola, um die Weltöffentlichkeit von der Notwendigkeit dieser radikalen Maßnahme zu überzeugen. Nach mehrjähriger Debatte kam der epochale Beschluss der UNO zustande. Zunächst wurden in einer weltweiten Großaktion der UNO-Truppen die letzten versprengten Terroristen in ihren Verstecken aufgespürt und zwangsbehandelt. Dann wurde die gewöhnliche Bevölkerung, danach die nationalen Polizeien, schließlich die nationalen Armeen mittels der Droge aggressionsunfähig gemacht.
Zur Sicherheit wurde das Programm an dieser Stelle für ein paar Jahre eingefroren. Der zeitweise Stop war dringend notwendig: es mussten noch gewisse bislang unterschätzte Probleme gelöst werden, zum Beispiel wie man sich gegen Flöhe, Läuse, Stechmücken schützen konnte ohne diese Tiere zu töten. Auch im Umgang mit anderen Gefahren war ein gewisser Lernprozess nötig. So zeigte das traurige Ende des Mannes der sich für einen Nachkommen Franz von Assissi's hielt und einem Rudel Wölfe zu predigen versuchte, die Notwendigkeit auf, gewaltlose Schutzmaßnahmen für solche Fälle zu entwickeln.
Nach dem befriedigenden Abschluss dieser (geplanten) "Denkpause" wurden die UNO-Truppen durch Verabreichen der Friedensdroge gewaltfrei gemacht, so dass am Ende nur noch der UNO-Generalsekretär und seine Prätorianergarde (früher als "Bodyguards" bekannt) übrig waren. Ihre Befriedung wurde als großes Fernsehspektakel inszeniert, an dem praktisch die ganze Weltbevölkerung teilnahm. Unter wiederholtem Abspielen der "Ode an die Freude" nahmen erst die Prätorianer, dann ihre Offiziere, zuletzt der Generalsekretär selbst die Friedenspille.
Überall auf der Welt feierte man ausgelassen aber friedlich diesen 31. Mai 2142 als den Beginn des ewigen Friedens auf Erden.
Anmerkung des Verfassers: Dieser wunderbare Schluss, der die ganze Geschichte schön wie ein Märchen enden lässt, wird sicher dem friedvollen Gemüt der meisten Leser so recht behagen und wohl tun. Es gibt aber vielleicht doch einige Menschen, die einen überraschenderen, härteren, gar böseren Schluss erwarten. Wir wollen über diese finsteren Charaktere nicht richten, sondern auch sie zufrieden stellen.
Darum folgt hier der
Schluss für Pessimisten und Zweifler
15. Juni 2142
Wenige Stunden nach Abschluss des großen Friedensfestes wurde im Fernsehen die Meldung verbreitet, dass sich mehrere fremde Raumschiffe aus den Tiefen des Alls der Erde näherten und sich als "Flotte des Imperators" ankündigten. Drei Tage später setzten sie auf der Erde auf. Ihre Truppen vernichteten einen Großteil der Erdbevölkerung, die zu jeder Gegenwehr unfähig war, und zwangen die Überlebenden zum Sklavendienst für das Galaktische Imperium, ohne ihnen auch nur die Gnade der Glückspille zu gönnen.
Am 15. Juni 2142 fand an Bord des Flaggschiffes der Fremden eine Siegesfeier statt. Der Kommandant der Flotte sprach seinen Kämpfern hohe Anerkennung für die Eroberung der Erde aus, vergaß aber nicht auch das Verdienst des Agenten lobend zu erwähnen, der vor nunmehr 55 Jahren die Idee zu der Friedensdroge dem Max Vanauskas in das elektronische Brainstorming-Protokoll eingefügt und damit schlussendlich die verlustfreie Eroberung der Erde ermöglicht hatte.