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Der dritte Richard



Monterey, 20.12. 2119

"Und geben Sie eine Garantie auf das Ergebnis des Klonens?"

Chefarzt und Klinikleiter Charles Montgomery musterte mit ruhigem Blick den Mann der ihm gegenüber saß und diese Frage stellte: Richard Eduardo Fineman.

Richard Eduardo Fineman war nicht irgendwer. Seine eher zierliche Gestalt, sein verbindliches Auftreten konnten nicht vergessen machen, dass dies einer der mächtigsten und gefährlichsten Männer in ganz Nordamerika war. Vom Rauschgifthandel auf der Straße hatte er sich hochgekämpft, hatte mit überlegener Intelligenz und brutaler Härte ein Königreich aufgebaut aus Spielhöllen und Bordellen, aus Wellness-Centern und Schönheitsfarmen – die Universal Consorts Incorporated. Auch am Rauschgifthandel hatte er einen großen Anteil, vielleicht den größten auf diesem Kontinent – vermutete man jedenfalls, denn so ganz genau wusste das niemand (außer ihm selber), und  man fragte auch besser nicht zu viel danach. Manche nannten ihn ehrfürchtig den "Paten".

Frauen hatte Richard Eduardo Fineman mehr als genug gehabt – "Geld zieht Frauen an wie Käse die Fliegen – ich bin ein sehr alter Käse!" pflegte er zu scherzen – aber zu seinem Kummer war es ihm nie gelungen ein Kind zu zeugen. Schließlich musste er das Urteil eines mutigen Arztes akzeptieren der ihm sagte, der Misserfolg liege an ihm, Richard Eduardo Fineman, selber, er werde nie ein Kind zeugen können. Genau deshalb saß er jetzt im privaten Konsultationsraum  des Leiters des World Kloning Expert Center.

"Ja und nein" antwortete der Arzt jetzt. "Es kommt heute selten vor dass etwas schief geht beim Klonen. In einem solchen Ausnahmefall verfahren wir streng nach den Regeln der Weltbehörde für Humanethik. Selbstverständlich tragen wir dann die Kosten."

"Was heißt das praktisch? Was kann überhaupt vorkommen?"

"Überraschenderweise gibt es praktisch nur zwei Typen von .... Fehlschlägen. Beim ersten Typ erweist sich der Fötus als nicht lebensfähig – das sehen wir wenige Wochen nach dem Einpflanzen in die Leihmutter. Beim zweiten Typ zeigt der Klon körperliche Deformationen. So seltsam es klingen mag: die Morphogenese – die Ausbildung der  äußeren Form auf der Basis des genetischen Materials – können die Wissenschaftler immer noch nicht erklären. Wir wissen nicht was da eigentlich schief läuft, können nicht korrigierend eingreifen, sehen nur das Ergebnis.  Solche Klone sind voll lebensfähig, und nach den Regeln der Weltbehörde müssen wir ihnen ein würdiges Leben sichern mit einem sozialen Status ähnlich dem des Vaters .. oder der Mutter ..... Wir klonen natürlich auch Frauen ... mehr als die Hälfte unserer Kunden sind Frauen! Sie glauben gar nicht – aber zurück zu unsere Vorgehensweise!

Ohne Zustimmung des Vaters/der Mutter erfahren diese Klone niemals von wem sie abstammen, sie wissen nur dass sie Klone sind; doch kann selbstverständlich der Vater/ die Mutter auch anders verfügen.

Mit Abschluss eines Klonvertrages sind Sie automatisch vollkommen gegen die finanziellen Folgen eines solchen .... Fehlschlages der Morphogenese abgesichert – Sie haben damit rein gar nichts mehr zu tun. Wenn Sie nicht wollen, erfahren Sie nicht einmal den Namen den wir dem äh – missglückten Klon geben.

Diese Vorgehensweise stellt sicher, dass Sie – zum Beispiel – nicht etwa einen Sohn mit einem Wasserkopf als Erben akzeptieren müssen. Mit Blick auf dieses Risiko der  äußeren Deformation empfehlen wir übrigens, gleich zwei Abkömmlinge zu klonen. Entwickeln sich beide Embryonen gut, so brechen wir die eine Leihmutterschaft zum spätesten gesetzlich möglichen Termin ab – falls der Kunde nicht zwei Klone akzeptiert, was häufig der Fall ist."

Richard Eduardo Fineman nickte bestätigend:

"Das scheinen mir sehr gute Geschäftsbedingungen zu sein. Ich akzeptiere unter dem Vorbehalt dass Ihre finanziellen Forderungen nicht absurd sind. Lassen Sie uns über die Details reden!"

Monterey, Las Vegas  2120 – 2152

Erster Tagesordnungspunkt auf der Agenda des World Kloning Expert Center war die Geburt des Richard Eduardo Fineman jr. Wenige Tage später kam er in das große Haus seines Vaters, des mächtigen Unternehmers Richard Eduardo Fineman sr.. Unter der Mitwirkung ausgesuchter Ammen, Kindermädchen, Erzieher, Lehrer entwickelte sich der Knabe prächtig. Von Gestalt war er eher schmächtig wie sein Vater, doch seine große körperliche Gewandtheit und sein Mut, seine Intelligenz und sein Durchsetzungsvermögen erfüllten alle Hoffnungen seines Vaters. Der führte ihn früh in die Geschäfte der Universal Consorts ein, und Richard Eduardo jr. entwickelte in Gelddingen bald eine außerordentliche Schläue, und übertraf seinen Vater dabei an Gewaltbereitschaft und schierer Grausamkeit. Es war, als seien alle Eigenschaften des Vaters in ihm noch einmal gesteigert. (Anmerkung: Da unsere Sprache keine speziellen Bezeichnungen für das Generationenverhältnis im Falle des Klonens besitzt, benutzen wir die konventionellen Vokabeln "Vater" und "Sohn".)

Richard Eduardo sr. verließ sich im Lauf der Jahre in Geschäftsdingen immer mehr auf seinen Sohn. Die alten Mitarbeiter verloren zunehmend, was immer sie an Einfluss einmal gehabt hatten; der Junge wolle den Alten absägen, munkelten sie missgünstig. Wenn die Mitarbeiter nach der täglichen streng vertraulichen Geschäftsbesprechung das Haus verließen, blieben Vater und Sohn allein zurück, besprachen alles noch einmal, fällten die notwendigen Entscheidungen, und leiteten mit verschlüsselten Botschaften die Aktionen ein. Solche Gespräche zwischen Richard  Eduardo sr. und Richard Eduardo jr. waren ein wenig wie Selbstgespräche, so ähnlich waren sich die beiden in fast allen Gedanken.

Las Vegas, 15.Juni 2152

Das große Grundstück um das Haus von Vater und Sohn Richard Eduardo Fineman war mit einer hohen Mauer umgeben, deren Krone zusätzlich durch Infrarotsensoren überwacht und einen Hochspannungs-Elektrozaun geschützt war. Der einzige Zugang war durch ein Genetic-Code-Schloss abgesichert.  Das war sehr praktisch weil Vater und Sohn ja den identischen genetischen Code hatten, und sonst niemand. Mit den Jahren verzichteten Vater und Sohn immer mehr auf Hauspersonal, so lebte zuletzt nur noch eine alte, schwerhörige Haushälterin in einem Nebengebäude. Besucher – wie die hochrangigen Mitarbeiter zur täglichen Geschäftskonferenz der Uni-versal Consorts – ließen sie jedes Mal selber ein, wobei sie diese unbemerkt auf Waffen kontrollierten. Der Sohn hatte eine Frau, er war ganz formal und legal mit ihr verheiratet, aber Lady Anne lebte in einem anderen Hause in der Stadt, und er besuchte sie nur "nach Bedarf". Kinder hatten sie nicht.

Donnerstag der 15.6.2152 war ein ungewöhnlich heißer Tag gewesen, mit Einbruch der Dunkelheit kühlte es angenehm ab. Vater und Sohn genehmigten sich als "Sun-downer" einen – den  besten! -  europäischen Cognac (geschmuggelt). Richard Eduardo Fineman jr. füllte gerade an der Bar die Gläser, sein Vater schaute ihm nachdenklich zu, da schob sich durch die halboffene Verandatür der Lauf einer schweren Handfeuerwaffe mit Schalldämpfer. Ein einziger kaum hörbarer Schuss – als Richard Eduardo sich umdrehte, sah er seinen Vater zusammensacken. Das klaffende Loch in der Stirn  ließ keinen Zweifel an seinem Tod.

Richard Eduardo jr. riss seine eigene Waffe aus dem Schulterhalfter und stürmte mutig zur Verandatür. Aber draußen war nichts mehr zu hören und schon gar nicht zu sehen. Er kehrte zurück, schloss die Tür, löschte das Licht, begab sich in das elektronische Kommunikationszentrum  des Hauses, und rief die Polizei an. Dort glaubte man zunächst an einen Scherz – die Richard Eduardo Fineman, Vater wie Sohn, hatten doch bisher immer den Kontakt zur Polizei gescheut!

Las Vegas, Juni – Oktober 2152

Die lokale Kriminalpolizei kam, gleich verstärkt durch einen Mann der Nordamerikanischen Division der Weltpolizei zur Bekämpfung der Bandenkriminalität. Wegen der potentiell außerordentlichen Bedeutung des Falles zog der Nordamerikanische Generalstaatsanwalt die Ermittlungen an sich -  vielleicht konnte man bei dieser Gelegenheit im Hause Fineman aufräumen?! Der junge Herr Fineman war ja noch schlimmer als der alte! Konnte man ihm hier und jetzt endlich etwas nachweisen?! Konnte man vielleicht sogar Universal Consorts zerschlagen?

Richard Eduardo Fineman jr. erzählte wahrheitsgemäß (!) seine Geschichte. Man hatte friedlich zusammengesessen, und plötzlich ....... Seine eigene Waffe war nicht das Mordinstrument, das zeigte die Laboruntersuchung schnell. Aber man fand die Mordwaffe im Teich vor dem Hause – und sie trug die Genetic-Code-Spuren des Richard Eduardo Fineman jr. Die Schlinge um den Hals des mutmaßlichen Vatermörders begann sich zuzuziehen. Doch ehe man ihn verhaften konnte, verschwand er aus dem umstellten Haus; wie das möglich war, wurde nie geklärt, vielleicht ein Fluchthelfer aus der Luft? Wie auch immer, Richard Eduardo Fineman jr. konnte seine Freiheit nicht lange genießen. Wenige Tage später fand man ihn, mit einem schweren Eisengewicht an den Füßen, in einem Wasserspeicher am Rande der Stadt. Da hatte wohl jemand in der Mannschaft der Universal Consorts Angst gehabt der junge Chef könne "singen" ...  Oder einer der Unzufriedenen hatte eine offene Rechnung beglichen..... Nun, der Generalstaatsanwalt war es auch so zufrieden und ließ die Untersuchung langsam einschlafen, als sie keinerlei Handhabe gegen die Firma selber lieferte. Einen gewöhnlichen Mafia-Mord verfolgte er nicht, so was war ja als Maßnahme der Selbstkontrolle eher zu begrüßen......

Der sogenannte "Aufsichtsrat" der Universal Consorts – tatsächlich ein Kollektiv der alten führenden Mitarbeiter und insoweit fast identisch mit der früheren täglichen "Geschäftskonferenz", übernahm die Leitung der Firma. Doch machten sich bald allerlei Eifersüchteleien und ehrgeiziges Gerangel um Macht und Einfluss zum Schaden des Geschäftsganges bemerkbar. "Es wäre besser wir hätten wieder einen starken Mann an der Spitze!" dachte so manch einer in der Führungsclique (der selbst nicht hoffen konnte, als Sieger aus den Diadochenkämpfen hervorzugehen).

Da tauchte überraschend ein Testament des Richard Eduardo Fineman sr. auf, das alles änderte. Es war bei den Akten des World Kloning Expert Center hinterlegt gewesen.

 Fort Gloster Ranch, 20. November  2152

Richard King blickte sich mit unverhohlenem Stolz vom Dach des Hauptgebäudes seiner "Fort Gloster Ranch" um. Wenn man ihn fragte "Was bedeutet <Gloster>?" meinte er nur: "Das ist eine ganz alte Geschichte ...." Eigentlich war es nur eine riesige Ranch, aber er hatte ihre Gebäude angeordnet wie ein großes Fort aus den Indianerkriegen vor dreihundert Jahren. So weit man blicken konnte, alles Weideland gehörte ihm. Und ein großes Vermögen in Firmenanteilen. Oh ja, er hatte mit dem Pfunde zu wuchern gewusst, das man ihm anvertraut hatte – ihm, dem unerwünschten, dem verstoßenen Klon! Reich, sehr reich war sein Vater gewesen – aber er hatte ihn verstoßen! Dafür hasste er ihn, würde ihn immer hassen. Diese Wunde der Zurücksetzung würde ewig schwären – aber (ein Ruck ging durch seine schmächtige Gestalt) er würde es der Welt schon zeigen! Ja, er war auf dem besten Wege dorthin ..... das Ziel greifbar ...... vielleicht schon heute.....

Mit besonderem Stolz blickte er hinüber zu den "Pferdestallungen". Natürlich standen da keine altertümlichen Haferfresser mehr drin. Nein, es waren modernste "fliegende Pferde", wunderbare Maschinen. So etwas wie "Motorräder der Luft". Unglaublich schnell, unglaublich wendig. Und dabei leise, ganz leise! Er hatte eines der besten weltweit - eine Sonderanfertigung. Wenn sich die Pferdefans zum großen Jahrestreffen in Wyoming zusammenfanden, wenn Tausende von Pferden wie große Vogelschwärme den Himmel verdunkelten, dann war er der ungekrönte König. Wenn er in den Schwarm hineinstieß wie ein Falke und alle vor ihm zur Seite stoben, da fühlte er Kraft und Macht. Da konnte er vergessen, dass er einen Buckel hatte, einen schlecht kaschierten verkrüppelten Arm, dass er hinkte.

Dieser verdammte Arzt! Wie hatte er gebettelt....  Richard King unterbrach seine Erinnerungen, als er auf der endlosen geraden Straße von Osten eine Staubwolke heranziehen sah: Der angekündigte Besuch kam.

Richard humpelte hinunter und in die große Halle. Seine vertrauten Mitarbeiter, hatten alles vorbereitet. Gute Leute waren das, handverlesen, zu allem fähig.... wirklich zu allem.

Es waren zwei Männer und eine Frau die jetzt die Halle betraten. Richard begrüßte sie fast überschwänglich. "Wir sehen hier so selten Besuch! Ich bin höchst gespannt was sie an Neuigkeiten mitbringen!"

Die Besucher stellten sich vor: der kleine ausgemergelte Typ, Mr. Woodrow,  war ein Vertreter des Erbschaftsgerichtes in Las Vegas. Der große teigige Buchhaltertyp, Mr. Buckingham,  war Sprecher des Aufsichtsrates der Universal Consorts. Und die üppige rotblonde Frau war niemand anderes als Lady Anne, die Witwe des  - äh – verstorbenen Richard Eduardo Fineman jr..

Richard King gab sich charmant und machte Lady Anne den Hof wo immer es sich ergab in dem Gespräch, das sich schnell dem Geschäftlichen zuwandte. Es ging um das Testament des Richard Eduardo Fineman sr.

Das Testament war erst kürzlich von dem Leiter des World Expert Kloning Center bei den Akten gefunden und nach Las Vegas geschickt worden, berichtete der Ausgemergelte vom Erbschaftsgericht.  Das Testament war das einzige bekannte und somit das gültige. Das Testament war 32 Jahre alt, verfasst kurz vor der Geburt der beiden geklonten Söhne des Richard Eduardo Fineman sr.
Der Verfasser legte darin fest, dass er den wohlgelungenen Klon Richard Eduardo als Sohn aufziehen werde, und dass dieser unter normalen Umständen sein Erbe und Nachfolger sein solle. Der leider etwas missgebildete und wenig präsentable zweite Klon – er bekam den klangvollen Namen Richard King – sollte eine vorzügliche finanzielle Ausstattung bekommen und eine erstklassige Ausbildung, die ihm alle Chancen zum Aufstieg eröffnen würden. Im Falle seines eigenen Ablebens, und falls  Richard Eduardo jr. kinderlos starb, sollte Richard King das gesamte Vermögen der Familie erben und die persönliche und unbeschränkte Leitung der Universal Consorts übernehmen, sofern er nach Alter und Leistungen dazu fähig sei; darüber solle der Aufsichtsrat der Universal Consorts entscheiden.

An dieser Stelle übernahm Mr. Buckingham, der teigige Buchhaltertyp, die Führung des Gesprächs. Im Aufsichtsrat gebe es noch keine ganz einheitlich Meinung. Er, Buckingham, werde jedenfalls die Wahl Richard Kings zum Leiter der Universal Consorts unterstützen (in Erwartung einer angemessenen Belohnung, wie er sehr dezent durchblicken ließ). Er sei ziemlich sicher, dass er die Wahl durchbringen werde, aber dazu müsse natürlich die grundsätzliche Bereitschaft des zu Wählenden vorliegen.

Richard King lehnte ab. Nein -  er, ein bescheidener Mann, das ruhige Leben auf der Ranch gewohnt, könne die hohen Ansprüche der Universal Consorts nicht erfüllen.

Der Ausgemergelte vom Erbschaftsgericht machte ihm seine Verantwortung klar. Ein Testament könne man nur als Ganzes annehmen oder ausschlagen.
Wenn er die Leitung der Firma ablehne, trotz der Zustimmung des Aufsichtsrates, so schlage er damit automatisch das ganze Erbe aus. In diesem Falle stürze er die Universal Consorts in das Chaos jahrzehntelangen Juristenstreites der Möchtegerne-Erben, da das Testament in einem solchen Falle keine klare Regelung hergebe.

Richard King lehnte ab. Nein - er sei nur aus der Ferne mit dem Geschäftsleben vertraut, könne die Universal Consorts persönlich kaum vor dem Chaos bewahren. Bescheidenheit sei angesagt!

Buckingham drang erneut auf ihn ein. Man benötige unbedingt einen starken Mann der die Dinge ordne. Und der Firma wieder ein Gesicht gebe. Eben eine wahre Führungspersönlichkeit!

Richard King lehnte ab. Nein - er, ein Behinderter, ein Krüppel, sei nicht die richtige Galionsfigur für eine solche Firma. Ein Königreich brauche einen würdigen König!

Lady Anne, von seinem Charme und seiner Bescheidenheit tief beeindruckt, machte ihm klar, es komme doch mehr auf den Charakter und die innere Größe an, als auf ein paar körperliche Details, über die man leicht hinwegsehen könne.

Richard King nahm an: Eine Aufgabe, die ihm die Bekanntschaft ... den Umgang ... den Kontakt ... wer weiß, vielleicht noch mehr! ... mit einer so wunderbaren Frau sichere, die könne er nicht ablehnen.

Als die Delegation "Fort Gloster" wieder verlassen hatte, um die frohe Botschaft nach Las Vegas zu bringen, sahen die beiden vertrauten Mitarbeiter Richard Kings ihren Boss sich in Lachkrämpfen winden.

Fort Gloster Ranch / Las Vegas,  November 2152 – Februar 2154

Richard King übernahm die Führung der Universal Consorts drei Tage später – ohne Zögern, ohne Wenn und Aber. Er zeigte sich erstaunlich gut informiert.  Er kehrte mit "eisernem Besen".  Wer sich zweifelnd und zögernd in den Weg stellte, bereute es bald. Buckingham, der an die erwartete Belohnung erinnerte, verschwand ein paar Tage später spurlos. Eine neue Qualität an Rücksichtslosigkeit, an Brutalität, ja an sadistischer Grausamkeit machte sich in Universal Consorts bemerkbar.

Richard King pendelte mit seinem "Pferd" zwischen der "Fort Gloster Ranch" und Las Vegas hin und zurück. Die wilden Ritte durch die Luft und über die Wüste genoss er mehr als alles andere – mehr noch als die unbeschränkte Macht.

Ganz vertrauliche Besprechungen wurden auf der "Fort Gloster Ranch" geführt. Wenn jemand von dort nicht zurückkehrte, so wagte man darüber nicht einmal zu flüstern. Angst machte sich breit – nackte Angst.

Lady Anne ergab sich schließlich Richards schmeichelndem Werben, seinem brutalen Charme, und zog zu ihm auf die "Fort Gloster Ranch". Schon drei Wochen später floh sie. Unglücklicherweise brach ihr Wagen in der Wüste zusammen, und sie verdurstete.....
 

Wyandotte,    März  2154

Mr. Frank H. Richmond war der Leiter einer großen Wellness-Hotelanlage der United Consorts in Wyandotte, eines honorigen Unternehmens (sah man einmal von dem allgegenwärtigen Rauschgift ab). Mr. Richmond war mithin den inneren Zirkeln der Macht in Universal Consorts relativ fern, die nackte Angst um das Überleben berührte ihn weniger, als die Männer und Frauen in den härteren Geschäftszweigen, und wohl deswegen war sein Denken etwas klarer, als das vieler anderer in der Firma. Und er machte sich seine Gedanken! Er bat den Nordamerikanischen Generalstaatsanwalt, den er von einer Wellness-Kur kannte,  um eine Unterredung in Sachen Finemann/ Universal Consorts.

Der Generalstaatsanwalt wusste das Angenehme mit den Erfordernissen des Zeugenschutzes in einer solch brisanten Angelegenheit zu verbinden und begab sich für ein paar Tage in das Wellness-Hotel. Die Unterredung fand auf einem wenig benutzten Jogging-Pfad des weitläufigen Hotelparks statt.

Richmond referierte die Lage in Universal Consorts – soweit er sie kannte, also sicher noch zu harmlos – schilderte die absolute Herrschaft des Richard King, und kam dann auf die Geschehnisse des Jahres 2152 zurück.

"Cui bono?!" fragte er rhetorisch. "Vor zwei Jahren schien es als profitiere recht eigentlich niemand von den Morden. Aber heute?! Wem haben die Bluttaten wirklich genutzt? Heute können wir diese Frage klar beantworten: Sie haben ausschließlich Richard King genutzt! Können die Morde an den beiden Richard Eduardo Fineman, sr. und jr., nicht von ihm ausgeführt oder doch wenigstens arrangiert sein?

Die Möglichkeit hatte er. Richard King ist ein Klon wie Richard Eduardo Fineman jr einer war, er hat also genauso wie dieser den Genetic Code des gemeinsamen - äh – Vaters. Also konnte er die Genetic-Code-Kontrolle am einzigen Zugang zum Gelände ganz ohne Schwierigkeit passieren. Und seine Handspuren an der Tatwaffe brauchte er nicht zu verwischen, im Gegenteil, sie durften recht deutlich sein!

Hatte er ein Motiv? Hass auf den Vater, der ihn zurückgesetzt hat, Hass und Neid auf den bevorzugten Bruder, der Drang zur Macht – sind das nicht denkbare Motive bei jemand, der als Klon den Fineman-Charakter geerbt haben muss?"

Der Generalstaatsanwalt war nicht überzeugt.

"In der Tat, das sind Motive die für den Mord an Vater und Bruder ausreichen! Aber: Richard King wusste doch gar nicht, dass er der Erbe sein würde! Niemand wusste es , außer dem alten Richard Eduardo. Und weiter: Richard King  wollte das Erbe doch ausschlagen, wie man mir berichtet hat!" Er hatte Universal Consorts offenbar nie ganz aus den Augen gelassen.

"Sind wir da ganz sicher? Kann er sich nicht – vielleicht lange zurück – Akteneinsicht im World Kloning Expert Center verschafft haben?"

"Die Akten dort sind streng vertraulich, niemand bekommt sie zu sehen!"

"Normalerweise sicher nicht. Aber wenn ein Mensch mit starker krimineller Energie es versucht?!"

"Wir werden diese Idee verfolgen" versprach der Generalstaatsanwalt.

Las Vegas / Monterey   April  2154

Je mehr der Generalstaatsanwalt über das Gespräch nachdachte, desto mehr bedauerte er, damals das willkommene Ende der beiden Richard Eduardo Fineman zum Anlass genommen zu haben, die Bemühungen um volle Aufklärung einschlafen zu lassen.

Er gönnte sich noch drei Tage "Wellness", kehrte entschlossen nach Washington zurück, telefonierte mit dem Chef der Kriminalpolizei in Las Vegas  und sorgte dafür, dass der fähige Kriminalkommissar  William S. Stanley   den Fall übertragen bekam. Der übergab eine Sache geringerer Brisanz an einen Assistenten, flog schon drei Tage später an die Westküste nach Monterey und begab sich in das World Kloning Expert Center.

"Ich versichere Ihnen, niemand, aber auch wirklich niemand, hat Zugang zu den Akten, außer mit Zustimmung des Klinikchefs, und das bin ich! Ich versichere Ihnen, dass ich mir meiner Verantwortung sehr bewusst bin!" plusterte sich der Chefarzt und Leiter der Klinik auf.

"Und wenn Gewalt ins Spiel kommt? Einbruch? Oder der Klinikchef wird erpresst? Hat es nie so etwas gegeben?"

"Nicht unter mir, und nicht unter meinem Vorgänger, da bin ich mir ganz sicher!"

"Und davor?"

"Das wäre mehr als – lassen Sie mich rechnen - 10 Jahre zurück! Das ist doch ganz unwahrscheinlich!"

"Gibt es jemand der so lange hier ist?"

"Bestimmt .... mir fällt auf Anhieb Oberschwester Philippine ein, von unserer Entbindungsstation, die gehört sozusagen zum Mobiliar der Klinik!"

"Kann ich sie sprechen?!"

Die Oberschwester war eine mütterlich-energische, sogleich Vertrauen erweckende Person. Sie hatte ein gutes Gedächtnis:

"Ja, da war einmal etwas ....... Ende April 2140 wurde der damalige Klinikchef und leitende Arzt Dr. Sarigianis  überfallen und zur Öffnung des Raumes für die geheimen Akten gezwungen. Auf Anweisung der Klinikleitung haben wir uns alle Mühe gegeben, die Sache nicht an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Die Polizei hat den Fall natürlich untersucht, aber es ist nichts dabei herausgekommen."

"Hat man sich denn sozusagen intern , innerhalb des Personals, eine Erklärung für den Vorfall zurechtgelegt?"

"Nur die naheliegende: Ein zurückgewiesener Klon wollte seine Herkunft wissen.

"Ja, das liegt nahe.....". Kommissar  Stanley bedankte sich und ging.

- - - - - -

Im Archiv des lokalen Staatsanwaltes fand sich die Akte.

Drei Männer hatten am späten Abend des 25. April 2040 den Direktor und Chefarzt des World Kloning Expert Center, Dr. James D. Sarigianis,  in seinem Büro überfallen, ihn gefesselt, geknebelt, ihm die Augen verbunden und ihn gefoltert bis er bereit war den geheimen Aktenraum zu öffnen. Wenig später verschwanden die Männer wieder. Der Direktor wurde am anderen Morgen gefunden. Er erholte sich körperlich, litt aber unter den seelischen Nachwirkungen, musste seine Stellung aufgeben und starb ein paar Monate später. Zur Identität der Männer gab es keine konkreten Hinweise. Einer hielt sich offenbar im Hintergrund und gab leise aber bestimmt Anweisungen in einer Sprache die der Direktor nicht identifizieren konnte. Irgend etwas sei "seltsam" an seiner Erscheinung gewesen, glaubte der Direktor sich zu erinnern, aber was? Es war nur ein höchst flüchtiger Eindruck bevor man ihm einen Sack über den Kopf gezogen hatte. Genetische Spuren fanden sich keine, offenbar hatten die Täter mit fabrikneuen Handschuhen gearbeitet. Die unzähligen Seiten der zig-tausend Akten konnte man natürlich nicht untersuchen. Ganze Akten fehlten nicht. Ein Zugriff auf die digitale Datei war nicht versucht worden.

Kommissar Stanley flog mit dem Taxi zurück zum World Kloning Expert Center. Der Direktor des Instituts war wenig erfreut ihn schon wieder zu sehen, mit betonter Sorgfalt las er den unbeschränkten Durchsuchungsbefehl des Generalstaatsanwaltes. Demonstrativ stöhnend öffnete er den geheimen Archivraum und lokalisierte die Akte Richard King. Stanley nahm sie mit Schutzhandschuhen heraus und blätterte vorsichtig darin. Alles war richtig an seinem Platz. Nur das Testament des alten Richard Eduardo Fineman war durch einen Kopie ersetzt worden.

"Wie sind sie überhaupt darauf gekommen, in der Akte nach so langer Zeit nach einem Testament zu suchen?"

Dem Direktor war die Frage sichtlich unangenehm.

"Es kam ein anonymer Anruf ..... mit verstellter Stimme ......"

"Haben Sie eine Aufnahme davon?"

"Nein."

"Warum haben Sie diesen Vorgang nicht bei der Übergabe des Testamentes an die Behörde gemeldet?"

Der Direktor wand sich:

"Ja ....  also ..... es war uns peinlich. Unser Datenverbund mit den weltweiten Einwohnerregistern hätte eigentlich dazu führen müssen, dass wir das Testament innerhalb weniger Tage nach dem Ableben des Betreffenden hätten finden müssen...."

Stanley blätterte noch einmal vorsichtig durch die Akte. Viele Seiten waren mit einem Ausdruck des genetischen Codes des Richard King gefüllt. Aber dann waren da noch zwei Seiten mit winzigen Fingerabdrücken; offenbar hatte man sie dem Baby Richard King bald nach der Geburt abgenommen. Die Finger der linken Hand schienen noch kleiner zu sein als die der rechten. Stanley hob die Augenbrauen:

"Mir ist klar dass Sie den kompletten Genetischen Code eines geklonten Babys festhalten - damit ist seine Identität ganz eindeutig bestimmt. Darum verlassen sich Sicherheitssysteme und Kriminalistik ja auch gänzlich auf dieses Merkmal. Aber was sollen Fingerabdrücke? Die benutzen wir in der Kriminalistik seit ein paar Jahrzehnten nicht mehr – ein Bruchteil eines Fingerabdruckes liefert uns ja schon den völlig eindeutigen Genetischen Code. Warum also hier Fingerabdrücke?"

Der Direktor spürte Oberwasser, er lächelte überlegen.

"Der Genetische Abdruck oder Genetische Code ist normalerweise in der Tat absolut einmalig für jeden Menschen, natürliche Zwillinge ausgenommen.  Der Genetische Code ist aber identisch zwischen einem  - sagen wir: "Vorfahr", und allen seinen geklonten Nachkommen.  Aber die Fingerabdrücke sind verschieden! Ähnlich ja, aber verschieden – wie bei natürlichen Zwillingen! Die Morphogenese, die Ausbildung der äußeren Form des Embryos, unterliegt offenbar Zufallseinflüssen .... so ganz genau weiß die Wissenschaft das immer noch ....."

"Noch einmal, ganz langsam!" unterbrach ihn Stanley. "Verstehe ich Sie richtig, dass die Fingerabdrücke zweier Klone des gleichen Vaters oder der gleichen Mutter verschieden sind?"

"Ganz recht, so ist es – leider. Wir bemühen uns hier im Zentrum um vollständige Identität mit dem Vorfahr, aber die Morphogenese .... daraus das Problem der körperlichen Deformationen in einigen Fällen....... leider, leider....."

"Und die Fingerabdrücke ändern sich niemals im Laufe des Lebens?!"

"Niemals!" Der Direktor war verwundert darüber dass so elementares Wissen in der Kriminalistik in Vergessenheit geraten war. Genüsslich rieb er es ein:

"Tja, offenbar geht wichtiges Wissen auch da verloren, wo es potentiell entscheidend sein kann!"

Stanley packte die Akte Richard King sorgfältig in eine sterile Plastiktüte, zu Vergleichszwecken auch die Akte des Richard Eduardo jr., bedankte sich und ging.

Fort Gloster Ranch, 2. Mai 2154

Kommissar Stanley und ein Mitarbeiter warteten in der großen Halle. Dieser Richard King musste ein vielseitig gebildeter Mann sein. Neben einem großen Archiv fester Datenträger fand sich ein riesiges Regal voll konventioneller Bücher. Die vollständigen Werke William Shakespeare's standen da, Machiavelli's "Il Principe" in der Ursprache, philosophische Werke, Medizinische Literatur (insbesondere zur Genetik), Fachliteratur zur Informatik, Computer- und Kommunikationstechnik, dazu Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft, Wirtschaftsrecht. Wirklich erstaunlich!

Richard King hinkte in den Saal, gefolgt von seinen beiden  - Dienern? Mitarbeitern? Vertrauten? Leibwächtern? Verbindlich begrüßte er seine Besucher. Man nahm Platz.

"Es tut mit leid, Sie mit jenen traurigen Ereignissen des Jahres 2152 um die Herren Richard Eduardo Fineman sr. und jr. – man könnte in alter Terminologie sagen: ihren Vater und ihren Bruder – konfrontieren zu müssen. "

Richard King winkte einen seiner beiden Männer heran, flüsterte ihm einen Auftrag ins Ohr, den dieser mit "Si, Signore!" quittierte, und zwinkerte dem Kommissar dabei zu. Der ließ sich nicht irritieren und fuhr fort:

"Damals – es ist ja fast zwei Jahre her – waren wir natürlich durch unseren Beruf verpflichtet, allen überhaupt denkbaren Spuren nachzugehen, alle Mitarbeiter und alle Verwandten der Verstorbenen zu befragen. Damals wussten wir  aber noch nicht dass Sie zur Familie gehören. Daher müssen wir die Unterhaltung mit Ihnen endlich nachholen, um die Akte endgültig schließen zu können. Eine reine Formalität – das sehen Sie schon daraus, dass wir erst heute zu Ihnen kommen.

Sie werden verstehen, dass die nächstliegende Frage ist: Wo waren Sie selbst am Abend des 15. Juni  2152?"

Richard King nickte verständnisvoll.

"Klar, das versteht sich, das würde ich auch zuerst fragen.  Aber wie soll man sich nach so langer Zeit erinnern, was man an einem ganz gewöhnlichen Tag zu einer bestimmten Uhrzeit getan hat?! ......... Es sei denn, mein Tagebuch gibt einen Hinweis ."

Er winkte seinen Mann heran und nahm einen dicken Terminkalender für das Jahr 2152 entgegen.

"Lasst sehen! ....... Hier haben wir es. Sehen Sie selbst ob Ihnen – uns - das etwas hilft. Sie wissen die entscheidenden Zeiten genauer als ich."

Unter dem Datum des 15. Juni 2152 war verzeichnet:

  08:00 – 12:00     L. aus A2 nach C3 getrieben.
 14:00                   B. meldet Lücke in N-Zaun Von C4. L. usgebrochen
                             und weit verstreut. B. und T. überwachen das
                            Einfangen.
 15:00-19:00        Vermögensverwaltung
 20:15                  Vergeblicher Anruf bei Dimitri
 21:30                  Dito

"Können Sie das etwas erläutern?"

"Gerne! L. heiß "Longhornrinder" ; ich habe eine große Zucht, so was wie 35000 Stück derzeit.  B. und T. sind meine beiden Vormänner, Beppo und Tyrrelino." Er wies mit der Hand auf seine beiden Männer, die sich bescheiden an das andere Ende der Halle zurückgezogen hatten.

"Wann sind Ihre Leute vom Einfangen zurückgekommen?"

"Es war schon längst dunkel, es muss so um 22:00 gewesen sein. Sie haben mächtig gemurrt, meinten das hätte man besser am nächsten Tag machen können, im Hellen. Aber Beppo und Tyrrellino haben sie schon angetrieben, da gab es kein Pardon."

"Ihre Vorleute stammen aus Italien?"

"Ja, ich habe ein paar Jahre in Palermo studiert. Ich habe sie von dort mitgebracht. Sehr gute Leute! Zu allem fähig!" Er erhob seine Stimme. Die beiden Männer im Hintergrund lächelten ob des Lobs.

"Und die beiden waren den ganzen Abend über mit allen anderen Leuten beim Einfangen der Longhorns? Sind Sie sicher? Wirklich mit allen?"

"Korrektur: Matt Peterson hatte sich damals ein Bein gebrochen. Er lag drüben in seiner Hütte........ Sie können meine Leute gerne alle befragen!"

"Danke, wahrscheinlich brauchen wir das ja gar nicht. Deshalb jetzt zu Ihnen selbst. Sie haben am fraglichen Abend einen gewissen Dimitri angerufen, oder es zumindest versucht. Wer ist dieser Dimitri?"

"Dimitri Wassiljitsch Molotow ist ein alter Geschäftsfreund in Washington. Seine Telefonnummer weiß ich auswendig." Und er diktierte sie dem schweigend Notizen machenden Assistenten Stanley's.

"Herr Molotow war nicht zu Hause? Lebt er dann alleine, dass keiner für ihn abnahm?"

"Er lebt allein. Meistens jedenfalls. Manchmal hat er auch eine Nutte bei sich. Oder zwei."

"Wussten Sie dass er nicht zu Hause sein würde?"

"Ich hätte es wissen müssen. Er hatte mir ein paar Wochen vorher von einer geplanten Reise nach Odessa erzählt. Aber ich hatte es vergessen."

"Hat er nicht wenigstens einen Anrufbeantworter?"

"Ja, doch! Und ich habe ihm etwas darauf gesprochen ..... ich weiß nicht mehr was. War wohl ein fauler Witz oder so was."

"Wir werden der Sache nachgehen. Wenn Ihre Anrufe zu den genannten Zeiten sich bestätigen, dann können Sie mit den Vorgängen in Las Vegas nichts zu tun haben – so schnell ist nicht einmal Ihr berühmtes Pferd. Dann ist die Geschichte für uns erledigt, und wir werden Sie nicht mehr belästigen.

Sie waren sehr kooperativ! Wir bedanken uns sehr!"

- - - - -

"Das klang eigentlich recht überzeugend!" bemerkte Stanley's Assistent, als sie auf dem langen Weg zum nächsten Flughafen waren.

"Ja .... sehr überzeugend. Fast zu gut schon um wahr zu sein."

Las Vegas, 5. Mai 2154

Die Laboruntersuchung der Akten des World Kloning Expert Center zogen sich länger hin als erwartet. Aber alle Mühe war vergebens: Nicht die kleinste gentechnische Spur ließ sich finden, die auf Richard King hingedeutet hätte. Eigentlich war das nicht anders zu erwarten gewesen, trotzdem schade!

Aber es blieb ja noch der Weg über die Fingerabdrücke. Der letzte Fingerabdruck-Experte Nordamerikas war vor 25 Jahren in den Ruhestand getreten – aber er lebte noch! In Florida hatte man ihn ausfindig gemacht. Jetzt musste er schnellstmöglich herbeigeschafft werden.  Trotz des Sonntages rief Stanley ihn an. Es war nicht einfach den uralten Chinesen zu überzeugen, aber Stanley konnte seinen Ehrgeiz anstacheln: Er, der letzte seiner Zunft, konnte dem Land einen großen Dienst erweisen und so seiner Kunst neue Anerkennung verschaffen. Aufatmend sah Stanley schließlich auf dem großen Telefonschirm wie der Alte mit einem Neigen des Kopfes Zustimmung andeutete.

Las Vegas, 7. Mai 2154

Li Hong Pickering, hoch in den 90ern, traf am späten Nachmittag ein. Er brachte sogar seinen alten Arbeitskoffer mit. Eigentlich musste der alte Mann mit den zittrigen Händen ja vom Flug erschöpft sein, aber er machte sich sogleich ans Werk. Und siehe da, die Tatwaffe zeigte brauchbare Abdrücke! Und sie waren ähnlich aber nicht identisch mit jenen, die sich auf der Waffe des Richard Eduardo Fineman jr. fanden!

"Die Spur ist verdammt heiß – jetzt brauchen wir ein Vergleichsstück!" erklärte Stanley seinen Leuten.

Las Vegas, 9. Mai 2154

Die Sitzung des "Aufsichtsrates" der United Consorts fand jeweils Donnerstags von 16:00 bis 17:30  statt. Die Veranstaltung war längst zur Formalie herabgesunken, bei der Richard King viel verkündete und wenig um Rat fragte. Die Teilnehmer verließen die gefürchtete Zusammenkunft jedes Mal fluchtartig, sobald Richard King aus dem Raum war und man das Doppeltriebwerk seines "Pferdes" anlaufen hörte; vom Dachlandeplatz startete er zum Rückflug auf seine "Fort Gloster Ranch".

An diesem Tag betraten um 17:35 zwei Kriminalbeamte den Besprechungsraum, wiesen den anrückenden Raumpflegern einen Durchsuchungsbefehl vor – und beschlagnahmten nichts anderes als das Wasserglas an der Stirnseite des langen Tisches wo Richard King gesessen hatte. Verdutzt blieb das Putzgeschwader zurück und diskutierte aufgeregt und ergebnislos den Vorfall.

Erst am anderen Vormittag erzählte eine der Putzfrauen einer Sekretärin davon, die in aller Frühe etwas vorbereiten wollte. Diese rief ihren Chef zu Hause an, der noch beim Rasieren war (der Mann war für die sado-masochistischen Homo-Bordelle zuständig , was allerdings im vorliegenden Zusammenhang ohne Bedeutung ist). Der Mann rief sofort auf einem verschlüsselten Kanal Richard King an. Der tobte am anderen Ende der Verbindung: Warum er denn die wichtigsten Dinge zu spät erfahre?! Er werde erbarmungslos durchgreifen!! Diese schlafmützigen Putzfrauen sofort entlassen!!

Noch am Abend des 7. Mai untersuchte der alte Li Hong Pickering das beschlagnahmte Wasserglas. Die Fingerabdrücke auf dem Glas waren mit denen auf der Tatwaffe identisch.

"Gut, sehr gut!" Stanley nahm hocherfreut den Bericht des alten Mannes entgegen. "Jetzt müssen wir nur noch das Alibi knacken!"

Und wie aufs Stichwort erschien der auf die Telefonate angesetzte Mitarbeiter und lieferte seinen Bericht ab:

Die Mobilfunkgesellschaft hatte die Anrufe Richard Kings bei Dimitri Molotow noch gespeichert gehabt (auch die Polizei darf mal Glück haben!). Beim ersten Anruf bat King nur dringend um Rückruf, beim zweiten Mal erzählte er einen ganz üblen Witz über eine russische Blondine und einen französischen Floh.

Das Band war ans Labor gegangen. Das Labor hatte zweifelsfrei festgestellt, dass es die Stimme Richard Kings war (ein Aufnahme des Gesprächs auf der Fort Gloster Ranch, von Stanleys schweigsamen Assistenten mitgeschnitten,  lieferte den Vergleich). Die Anrufe waren ziemlich genau zu den behaupteten Zeiten eingegangen; sie waren unzweifelhaft von der Ranch gekommen. Ein bombenfestes Alibi?

Gedrängt von Stanley's Mitarbeiter hatte das Labor eine noch detaillierte Analyse vorgenommen. Dabei zeigte sich in Richard King's Stimme

"eine Art akustisches Moiré –Muster, ein "Artefakt" in der Sprache der Computerleute, wie es beim Umspeichern von einem Raster in ein anderes entstehen kann; die optische Variante des Effektes ist allgemein vom Scannen eines gerasterten Druckbildes bekannt.

Daraus folgt: auf dem Band ist es nicht die Originalstimme des Richard King die da spricht, sondern seine zuvor digital gespeicherte Stimme wurde übertragen und aufgenommen."

Vielleicht hatte er einen raffinierten Timer programmiert um die Anrufe auszusenden, vielleicht hatte Matt Peterson trotz gebrochenen Beines die Aufgabe besorgt. Einerlei: Das Alibi war getürkt.

Es ging schon gegen 22:00, aber Stanley fand seinen Staatsanwalt noch am Arbeitsplatz. Dieser – eingestimmt durch Anrufe des Generalstaatsanwalts  -  griff sogleich zum Haftbefehl. Zwei Stunden später waren Stanley und drei seiner Leute auf dem Flug zu dem der "Fort Gloster Ranch" nächstgelegenen Flughafen, wo sie schon eine schwer bewaffnete Eingreifgruppe erwartete.

Fort Gloster Ranch, 10. Mai 2154

Es war früh am Tag. Die Sonne war gerade aufgegangen, im Westen war die schmale Sichel des abnehmenden Mondes noch zu sehen.  Richard King stand auf dem Dach des Hauptgebäudes und ließ seinen Blick voller Stolz über seine Ranch schweifen.

Ja, er hatte es allen gezeigt. Er, der dritte Richard – "Richard III." ! Was sein Vater, der ihn verstoßen, ihm an Eigenschaften vererbt hatte, das hatte er zur höchsten Entfaltung gebracht. Er hatte es dem Alten gezeigt! Höchstpersönlich hatte er mit ihm abgerechnet, und mit seinem Bruder, gegen den der Vater ihn zurückgesetzt hatte aus jämmerlichen Gründen! Er, niemand anderes, war der Herrscher der United Consorts, niemand konnte ihm diese Herrschaft streitig machen.  Etwa diese lächerliche Polizei?!

Und doch: Aller wirtschaftliche Erfolg erschien belanglos, war er erst einmal gesichert; alle Macht, war sie erst einmal erreicht, wurde schal; alle geschäftliche Raffinesse langweilte, wurde sie zur Routine; alle Grausamkeit wurde witzlos, weil eine weitere Steigerung nicht möglich war.

Worauf stolz sein? Worauf sich freuen? Er blickte hinüber zur "Pferdestallung". Ein "Pferd reiten", das war das wahre Leben! Der rasende Flug gestern Nachmittag, zurück von diesem albernen "Aufsichtsrat" in Las Vegas zur Ranch, ja, das war es! Dafür lohnte es zu leben!

Unten klingelte das Telefon. Der Klingelcode sagte ihm: es war ein Anruf aus Las Vegas. Er humpelte schnell hinunter. Es war der Anruf wegen des beschlagnahmten Wasserglases. Richard King tobte, brach plötzlich ab. Durch das Fenster nach Osten sah er auf der langen geraden Straße eine große Staubwolke sich nähern, von der frühen Sonne durchglüht.

Hastig griff er zum Fernglas. Nur das erste Fahrzeug der Wolke war zu erkennen: ein Schützenpanzer der Polizei. Das Tor der "Fort" - Einfahrt würde für ihn kein Hindernis sein, er würde es einfach durchbrechen. Richard schätzte die Entfernung zu den "Pferdestallungen" ein im Verhältnis zur Zeit die ihm blieb: Es war unmöglich  -  bis er hinübergehinkt wäre, stünde der Schützenpanzer längst im Hof. Verdammt, warum hatte er sein Pferd nicht auf dem Dach geparkt?!

"Ein Pferd, ein Pferd! Mein Königreich für ein Pferd!"

Er spie das Shakespeare-Zitat förmlich hinaus.

Dann griff er die Bazooka aus dem Waffenschrank. Er hatte sie gerade rechtzeitig im Anschlag, als das erste Fahrzeug der Kolonne in den Hof brach. Es ging in Flammen auf.

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Der nordamerikanische Polizeibericht des Tages  meldete die Festnahme von mehreren mutmaßlich kriminellen Personen. Sowohl ein vor allen anderen gesuchter mehrfache Mörder als auch seine beiden Leibwächter waren in einem stundenlangen Feuergefecht gefallen. Leider war der Tod von sechs Mann der Eingreifgruppe zu beklagen.

Las Vegas, Mai 2154

Der Name des unschädlich gemachten mehrfachen Mörders wurde erst ein paar Tage nach seinem Ende bekannt gegeben, nachdem man das kopflose United Consorts durchgekämmt hatte.  Es war eine ungeheure Sensation. Tagelang gab es in den Medien kein anderes Thema, es verschwand aber sofort wieder als der Präsident der Vereinigten Staaten von Nord- und Mittelamerika beim Analsex mit einer Praktikantin erwischt wurde.

Las Vegas,  Februar 2155

United Consorts wurde durch Gerichtsbeschluss zerschlagen. Die ausreichend legitimen Bereiche wurden unter der Leitung eines gewissen Frank H. Richmond zusammengefasst.