Mensch und Realität

 
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Im Labor



1

"Wie viele Ratten werden auf dem Versuchsareal des Labors leben können, Mr. Calhoun?" fragte der Forschungsminister.

"Theoretisch Tausende – wir werden beliebig Futter und Wasser zur Verfügung stellen."

"Ist das nicht unrealistisch? Jedes wirkliche Biosystem hat doch nur begrenzte Ressourcen zur Verfügung?!"

"Wir vermuten dass die Population durch andere Effekte begrenzt wird."

"Und äußere Feinde?" 

"Keine – wir wollen ein geschlossenes System simulieren – wir sind nur an der inneren Dynamik interessiert. Darum wollen wir gerade bestmögliche Startbedingungen bieten." 

"Das bedeutet?"

"Wir bieten den Ratten vorgefertigte Tunnelsysteme an, viele Höhlen zum Nestbau .... und dafür gibt es natürlich auch genug Material. Beim Vorversuch haben wir das nicht getan, wir hatten 5000 Tiere erwartet, aber die Population hat  sich  bei  etwa  150 Tieren stabilisiert .... begrenzt wurde die Zahl durch die gestörte  Nachkommenpflege der Weibchen. "

"Hm .... was glauben Sie wie groß die Population diesmal werden wird?"

"Wenn die angebotenen Tunnel und Höhlen optimal genutzt werden, müssten es jedenfalls mehrere Hundert werden."

"Schön! Ich erwarte Ihren Bericht bei meiner nächsten Inspektion."

2

Die erste Generation der Ratten, eingesetzt vom Versuchsleiter, nahm das Versuchsgelände  in Beschlag. Es waren gleichviel Böcke und Weibchen. Sie belegten zunächst die "besten" der angebotenen kleinen Bauten. Wanderratten bevorzugen nämlich  tiefgelegene Räumlichkeiten. In die tiefsten Räume zogen daher die stärksten Böcke ein, jeder mit einem Weibchen. 

Die Weibchen waren bald schwanger. Mit dem reichlich vorhandenen  Baumaterial 
richteten sie sich ihre kuscheligen Nester ein. Die erstenJungen kamen   nach  20  Tagen zur Welt. Aus Paaren wurden Großfamilien. Die Rudel wuchsen, lebten in rattentypischer Harmonie. Sie genossen  alle Annehmlichkeiten die das Leben einer Ratte bieten kann. Einige  Böcke bildeten neue Rudel. Die aus den Vorversuchen bekannte "stabile" Zahl von 150 Tieren wurde bald schon erreicht. 

Nahrung und Wasser war für alle reichlich  da; sie wurde sowohl in den Bauten als auch auf einem zentralen offenen Gelände angeboten.  Diese zentrale Nahrungsquelle wurde von den geselligen Ratten bevorzugt. In diesem Bereich herrschte immer lebhaftes Treiben. 

Da es keine Krankheiten und keine Räuber gab, wuchs die Zahl der Ratten zunächst exponentiell weiter. Als die Zahl von 600 Tieren erreicht war, bildeten sich klare soziale Strukturen heraus. 14 Rudel dominanter Tiere sonderten sich ab und bewohnten die Bauten, während sich der Rest in der Mitte des Raumes zusammendrängte. Hier versammelten sich über 400 Ratten, von denen nur wenige im Lauf der Zeit  ihre Klasse verlassen und in die dominanten Rudel aufsteigen konnten. 

Die unterprivilegierten Tiere, in der Mitte des Geheges zusammengepfercht, reagierten mit Gewalttätigkeit jeder gegen jeden, zunehmend chaotischem aggressiven Sexualverhalten, und Verzicht auf Brutpflege: Junge wurden tot gebissen. 

Die ranghohen Tiere in den guten Wohnbereichen dagegen vermehrten sich ungemein schnell, bis die Zahl der Bewohner im Gehege auf 2200 Tiere anschwoll. 

Jetzt zerbrachen zunehmend alle Sozialstrukturen. Nur wenigen Ratten gelang es überhaupt noch zu kopulieren, weil sie dauernd von wütenden Artgenossen angegriffen und so daran gehindert wurden. Die Mütter schafften nicht einmal mehr einen brauchbaren Nestbau aus dem reichlich verfügbaren Material. Schwangerschaften wurden nicht zu Ende gebracht, Weibchen starben bei der Geburt. Wurden Junge geboren, so  gingen sie in der quirlenden Masse der Ratten unter und hatten keine Chance zu überleben. Chaos und Aggression reagierten. Es kam zu Kannibalismus trotz unbegrenzten Nahrungsangebots.

Dann aber geschah etwas Unerwartetes: das Leben erstarb mehr und mehr. Selbst normale Pfeif- und Quietschgeräusche, die sonst alle Aktivitäten der Ratten begleiten, hörten auf. Die Tiere – immer noch gut genährt! -  verharrten sozial steril,  wie in Trance eingefroren. Jungtiere gab es nicht mehr. Das Experiment wurde beendet, als die Zahl der Ratten wieder auf 600 gesunken war, Nachwuchs aber nicht mehr zustande kam.
 

3

"Und wie ist das Ergebnis Ihres großen Laborversuches, Mr. Calhoun? Entspricht es den Erwartungen, die Sie bei meinem letzten Besuch geäußert haben?" fragte der Forschungsminister.

"Ganz und gar nicht! Ich gestehe es, ich bin erschüttert! Zunächst ist die Zahl der Ratten auf über 2000 hochgeschnellt, aber inzwischen sind nur noch wenige, überalterte Tiere übrig. Es gibt keine Jungen mehr. Die Population stirbt aus."

"Wie konnte das passieren?" 

Der Experimentator referierte den Ablauf des Versuches.

"Und Sie meinen wirklich der Stress der Überbevölkerung habe der Population das biologische Rückgrad gebrochen?"

"Ja, so könnte man es wohl sagen...."

"Können wir daraus etwas lernen?"

 "Ich weiß nicht ... Sehen Sie, unsere Millionenstädte wachsen unablässig .... bald wird der Großteil  der  Menschheit 
dichtgedrängt in Städten leben.... "

"Wie, Sie meinen uns Menschen könne etwas Ähnliches passieren?" Der Forschungsminister lachte:

"Nein, mein lieber Calhoun, das glaube ich nicht. Wir Menschen haben unseren überlegenen Verstand .... 
Wir verstehen immer besser wie diese Welt funktioniert ..... wir können unser Schicksal bewusst steuern ..... wir bestimmen unsere Zukunft selbst!"
 
 

 

1

"Wie viele dieser Zweibeiner werden im Versuchsareal leben können, Evolutionsbiologe?" fragte der Raumschiff-kommandant. 

"Theoretisch rund 10 000 – wenn sie die naturgegebenen Ressourcen optimal und nachhaltig nutzten. Und das sollten wir eigentlich von diesen Lebewesen erwarten dürfen – sie leben in Rudeln und Superrudeln, sind fähig die Folgen einer Handlung vorweg zu visualisieren, agieren gewöhnlich unter der Führung überlegener  Alpha- Männchen. Aber wir müssen einen repräsentativen Versuch durchführen." 

"Genau! Das Ergebnis dieses Versuchs wird uns Aufschluss geben darüber, ob dieses Lebewesen den gesamten Planeten nachhaltig bei hohem Kulturstandard wird nutzen können  - und damit geeignet ist in den Kreis der interstellaren Populationen aufgenommen zu werden ......
Andernfalls, na ja, .... 
Was auf dieser kleinen dreieckigen Insel inmitten einer riesigen Wasserwüste geschieht, wird über die Zukunft dieser Zweibeiner entscheiden. Darum: Seien Sie fair! Bieten Sie gute Anfangsbedingungen!"

"Selbstverständlich! Das Klima ist für diese Lebewesen angenehm. Die Insel ist fruchtbar. Wir werden den Lebewesen ihre traditionellen Ackerbaupflanzen mitgeben, wir werden ihnen ein Haustier mitgeben. Es gibt Süßwasser auf der Insel, wenn auch nicht im Überfluss. Es gibt Stein für einfache Werkzeuge ...."

"Schön! Wenn wir das nächste Mal vorbeikommen, schauen wir uns das Ergebnis an!"

2

Später erzählte ein Mythos der Inselbewohner, die sich für die einzigen Menschen auf der Welt hielten, dass Häuptling Hotu Matu'a mit einer großen Familie in zwei Kanus auf die Insel gekommen war. Die Insel war fruchtbar. Die Hänge der alten Vulkane waren mit Wald bedeckt. Es gab große Palmen für allerlei Bauzwecke, eine Baumart aus der man vorzüglich große Kanus bauen konnte, es gab Bäume deren Rinde gute Seile ergab, und andere deren Rinde sich zu einem Stoff für Bekleidung und Matten breitklopfen ließ. Man konnte allerlei Früchte und Gemüse  anbauen:  Süßkartoffeln, Yamswurzeln, Taro, Bananen, Zuckerohr. Als Haustiere hielt man Hühner in großen Ställen, das Meer lieferte Delfine, Fische, Krustentiere und Muscheln. Es gab allerlei Wildvögel. 

Die Bevölkerung wuchs. Indem man schrittweise Wald rodete, Land bewässerte, die Pflanzungen mit Steinmauern gegen den Wind schütze, konnte man Nahrung für 
15 000 Menschen erzeugen. Die Bevölkerung unterstand zwölf Häuptlingen, die jeweils über einen Sektor der Insel herrschten. Die Häuptlinge lebten mit ihren Familien in großen Langhäusern nahe der Küste, die einfachen Landarbeiten in primitiven Hütten im Landesinneren. 

Eigentlich boten die Herrschaftsgebiete der zwölf Häuptlinge sehr unterschiedliche natürliche Ressourcen, und Zusammenarbeit war unabdingbare Voraussetzung für das Gedeihen der Gesellschaft. Aber zwischen den Häuptlingen entstanden Rivalitäten, jeder wollte sich hervortun und die anderen übertrumpfen.  Sie begannen, große Steinfundamente zu errichten, die sie "ahu" nannten, darauf wurden riesige Steinfiguren errichtet ("moai"). Sie sollten die  Ahnen  der  Häuptlinge darstellen. Im Laufe der Zeit wurden die Figuren immer gigantischer, und schließlich setzte man ihnen noch einen großen Zylinder aus rotem Stein obenauf ("pukao"). 

Die großen Steinfiguren konnten nur am alten Vulkankrater Ranu Raraku hergestellt wer den. Zum Transport und zum Aufrichten  brauchte  man  Holz und Seile in großen Mengen. Erst als der Wald ganz verschwunden war, stellte man die Produktion der Figuren ein; fertige und halbfertige Figuren blieben liegen wo sie gerade lagen. Statt dessen gingen die rivalisierenden Clans daran, sich gegenseitig die Figuren umzustürzen. 

Mit dem Verschwinden des Waldes ging der Bau seetüchtiger Kanus zu Ende – aus dem Meer konnte man nur noch Fische in Ufernähe und kümmerliche Schnecken gewinnen. Die Wildvögel waren längst ausgerottet, verzehrbare Tiere waren nur die zahlreichen Ratten. Da der Wald das Wasser nicht mehr speicherte und keine Kompostdüngung mehr lieferte, ging die Landwirtschaft zurück. Erosion zerstörte die Felder. Feuerholz  zum Kochen und zur Leichenverbrennung wurde knapp. 

Hungersnöte brachen  aus, und mit ihnen mörderischer Bürgerkrieg.  Kannibalismus griff um sich. Die Zahl der Bevölkerung ging dramatisch zurück.

Als europäische Seefahrer die Inseln entdeckten, waren die wenigen übriggebliebenen Insulaner "klein, mager, ängstlich und elend". Sklavenhändler, Pocken-Epidemien, Missionare taten ein übriges. Die Insulaner starben fast aus.

3

"Gut, jetzt wollen wir uns ein-mal anschauen wie der Modellversuch auf der kleinen In-sel ausgefallen ist. Legen Sie los!" befahl der Raumschiffkommandant.

Der Evolutionsbiologe hatte die Dokumentation des automatischen Aufzeichnungssystems bereits redigiert und ließ die Geschichte im Zeitraffer ablaufen.

"Hm, die Isolierung des Versuchsfeldes wurde am Ende von außen durchbrochen? " 

"Ja, aber das stört unsere Schlussfolgerungen nicht, denn es war bereits ein stabiler Zustand erreicht. Und das Ergebnis ist ganz unzweifelhaft: Negativ."

"Das bedeutet, dass diese Zweibeiner einmal ihren ganzen Planeten zugrunde richten werden, so wie sie die kleine Insel ruiniert haben?"

"Ja, so muss man das wohl sehen, so sind sie veranlagt!"

"Sollten diese Lebewesen vor dem endgültigen Zusammenbruch einen technischen Stand erreichen, der ihnen das Verlassen ihres Sonnensystems 
erlaubt, werden wir sie daran hindern müssen......... 
Aber wenn sie nicht in die interstellare Gemeinschaft aufsteigen können, zu was sind sie dann gut?"

"Sie scheinen handlich und pflegeleicht zu sein. Vielleicht können wir sie als Labortiere verwenden?!"

Der Kommandant lachte:
"Vorzügliche Idee! Nehmen Sie das als Empfehlung in Ihren Bericht an den interstellaren Rat auf!"

Anmerkungen:
Hinweise auf die Versuche Calhouns findet man an verschiedenen Stellen im Internet. Der Forschungsminister und die Gespräche sind erfunden.
Die Darstellung der Vorgänge auf der Osterinsel folgt im wesentlichen der Darstellung in "Kollaps" von Jared Diamond.