Mensch und Realität

 
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2. Der Kreislauf des menschlichen Lebens




Die Fülle
( Montage H.G. Klug)



2.0 Vorbemerkung
 
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Die Folge von Bildern großer und kleiner Meister des 15. bis 19. Jahrhunderts steht für den Kreislauf des menschlichen Lebens.

Anhand des Lebenslaufes eines fiktiven, etwa gleichaltrigen Paares "Anna und Alfred“ wird ein Beispiel für das durchschnittliche Leben von Menschen in der heutigen Zeit und Gesellschaft über den komprimierten Bogen von Kindheit über Erwachsensein und Altwerden dargestellt.

In acht Abschnitten soll der Kreislauf des Lebens beschrieben werden:

1. Geburt und Zeit als Säugling
2. Zeit als Kleinkind
3. Zeit als Schulkind
4. Zeit als Jugendlicher, Pubertät
5. Zeit als Erwachsener
6. Zeit des aktiven Alters
7. Zeit des Verfalls und Tod
8. Zusammenfassung

 
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Leonardo da Vinci: "Madonna Litta" (Ausschnitt)
 


1. Geburt und Zeit als Säugling

Es ist zunächst ein Schock für das unfertige, kleine menschliche Wesen als Baby bei der Geburt vom schützenden Bauch der Mutter in die neue und unbekannte Welt entlassen zu werden. Nach der nicht immer ungefährlichen Geburt sind da plötzlich Licht und unbekannte Geräusche und Stimmen, die es nicht deuten kann. Nicht nur für die Mutter sondern auch für das Kind ist die Auspressung durch den engen Geburtskanal sehr schmerzhaft. Der Kopf ist ofttmals deformiert und Blutergüsse sind keine Seltenheit. Wichtig ist, dass die Nabelschnur (Bisherige Verbindung Mutter Kind) sich nicht um den Hals des Kindes wickelt, da sonst der Erstickungstod droht. Das Baby ist sofort nach der Geburt auf sich gestellt und muss nun selbst atmen und seine Lebensfunktionen aufnehmen. (Ein Geburtserlebnis aus einer völlig anderen Perspektive wird in der Geschichte Die große Reise erzählt.)

Nach wie vor bleibt jedoch die Mutter für das Baby der zentrale Bezugspunkt. Das Geburts- und Mutterschaftshormon Oxytocin bereitet neben der Geburtshilfe durch die Steuerung der Gebärmutterkontraktion auch die Sicherstellung der Kindesernährung durch die Muttermilch vor. Ferner bewirkt es durch seine Anwesenheit eine verstärkte Hinwendung der Mutter zu ihrem Kind. Es vermindert die Wirkung des Stresshormons Cortisol, sodass beim Stillen eine entspannte Atmosphäre zwischen Mutter und Kind herrscht.

Es wurde wissenschaftlich festgestellt, dass Oxytocin die Partnerbindung positiv beeinflusst und längerfristige Bindungen zum gegenseitigen Nutzen von Mutter und Kind stärkt. In der Partnerschaft zwischen Mann und Frau trägt dieses Hormon zu einer Stabilisierung der Beziehung bei.
Das Kind wächst somit in einer weitgehend gesicherten Familien-Umwelt auf. Anhand dieses Beispiels wird deutlich, welch zentrale Rolle die vom Gehirn ausgehende Steuerung der Körperfunktionen über die Hormone auf unser Leben und unsere Gesundheit einnimmt.

Im Gehirn des Babys sind alle Grundfunktionen mittels spezieller Verknüpfungen der neuronalen Netze der Hirnzellen vorbereitet. Es atmet selbständig, Herz und Kreislauf arbeiten. Die Nahrungsaufnahme und Verdauung tritt in Funktion. Bei Unwohlsein und / oder Hunger und Durst macht es sich durch lautes Schreien bemerkbar.

Nach und nach lernt es auch über die optische Mustererkennung das Gesicht der Mutter von anderen zu unterscheiden. Wichtig zu wissen ist in diesem Zusammenhang, dass die Voraussetzung des Erkennens von Gesichtern bereits vor der Geburt besteht. Bei der Gesichtserkennung durch das Baby sind Teile des Gehirns im Schläfenlappen, Hinterhauptslappen und Mandelkern aktiv. Dabei wird zuerst nach Gesichtsformen und dann erst nach anderen Formen gesucht. Erste Geräusche werden z.B. auf positive Zuwendung oder negative Gefahrensituationen überprüft. Der Greif- und Tastsinn sowie die Bewegungsfähigkeit werden über Versuch und Fehler getestet. Nach und nach wird aus dem Baby ein Kleinkind, das sich immer mehr seiner selbst bewusst wird.

 
 

 
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                       Philipp Otto Runge: "Die Hülsenbeckschen Kinder" (Ausschnitt)
 
2. Die Zeit des Kleinkindes

Anna und Alfred haben jetzt den langen Weg vom Kleinkind zum Jugendlichen vor sich, der die prägende Grundlage für ein späteres Erwachsenenleben sowie den privaten und beruflichen Erfolg bildet.

Dies wird besonders am Beispiel der Ausbildung der zwei Hauptsinne des Menschen nämlich "Sehen" und "Hören/Sprechen" deutlich. Sie sind die wichtigsten Brücken für eine Teilnahme am menschlichen Leben und für eine gesicherte Stellung in der Gesellschaft.

Grundlage ist hier der Start eines auf diesen und auch anderen Sinnen (wie Tastsinn, Geruchssinn etc.) aufbauenden Lernprozesses, der lebenslang über das Gehirn gesteuert, verarbeitet und gespeichert wird.

Wobei das Wort "Lernen" im Sinne des Erfassens, Aufnehmens, Filterns, Bewertens und als Wissen abspeicherndes Element verstanden werden soll. Beginnen wir daher damit, dass Anna und Alfred ihre Sprache hören, verstehen und sprechen lernen sollen.

Dieser Prozess sollte im fünften Lebensjahr dahingehend abgeschlossen sein, dass alle Laute und ihre Verbindungen erlernt wurden. Wobei nach neuesten Erkenntnissen das Gen FOXP2 hier zusammen mit speziellen im Gehirn verankerten Sprachlernmethoden das Erlernen einer Muttersprache unterstützt. Dabei ist bereits der Fötus im Mutterleib für die dort nur bedingt hörbare Sprache der Mutter empfänglich. Der spätere Säugling ist daher besonders auf die Sprache seiner Mutter eingestellt.

Anna und Alfred haben insofern gute Vorraussetzungen, da sie bei Eltern aufwachsen, die liebevolle Zuwendung mit intensiven  Kommunikations- und Motivationsbemühungen verbinden. Hierbei ist das Spiel mit den Eltern, Geschwistern und anderen Kindern eine wichtiger Entwicklungsbeitrag zu einem entspannten und sozial aufgeschlossenem Menschen, bei dem die Sprache gut trainiert und entwickelt werden kann.

Die Voraussetzungen zum endgültigen Erlernen der Sprache sind jedoch bereits in der Anlage des sich jetzt ständig weitervernetzenden und wachsenden Gehirns des Kleinkindes gelegt. Ein noch etwas rudimentäres Hör- und Sprachzentrum erfasst Geräusche, Töne und Laute versucht diese in eine Zuordnungsstruktur zu bringen, die bei wiederholtem Auftreten zum Vergleich herangezogen wird.

Aber nicht nur der Hörsinn hilft dem Kind bei der Analyse eines Wortklangbildes. Auch der Sehsinn ist beteiligt, wenn es darum geht, die Laut- oder Wortbildung optisch z.B. im Gesicht der Mutter oder des Vaters zu beobachten und zu zuordnen. Die Kopplung von Gehörtem und Gesehenem Laut oder Wort prägt sich schärfer ein und hilft bei der Abgrenzung zu anders klingenden Lauten oder Worten. Vor allem intensives optisches Darstellen eines mit dem Wort verbundenen Gegenstandes  ( z.B. Ball ) verdeutlicht dem Kind die Bedeutung eines mit dem Gegenstand verbundenen Wortes. Daher verstehen kleine Kinder schon recht früh, schon lange bevor sie sprechen lernen (etwa mit einem Jahr), die Bedeutung von vielen Gegenständen aus ihrer Umwelt. Sie besitzen jetzt schon einen kleinen "passiven" Wortschatz, den sie auch verstehen und einordnen können. Auf Fragen, wie: Wo ist der Ball? Kann es durch Hindeuten in einfacher Form antworten.

Der Drang zur artikulierten Mitteilung wird durch entsprechende Motivation seitens der Eltern unterstützt und bald lernt das Kind durch Erzeugung von Lauten mit Stimme und Lippenbewegung erste Wort wie "Mama", "Papa" etc. zu bilden. Die Grundelemente des Sprechens zeichnen sich ab.

Im Alter von ca. zwei Jahren beginnt eine weitere Stufe der Generalisierung und Abstrahierung in der Sprachentwicklung. So ist z.B. das Wort Bett als Beschreibung eines einfachen kleinen Kinderbettes zu verstehen, hat aber die gleiche Bedeutung für das große Doppelbett der Eltern, das doch ziemlich anders aussieht. Selbiges gilt auch für Worte wie Topf, wobei Töpfe alle möglichen Formen, Farben und Größen haben können.

Man stelle  sich nur einmal die Frage, welch geistige Leistung für ein kleines Kind die korrekte Unterscheidung eines etwa gleichgroßen Hundes von einer Katze bedeutet. Hund und Katze haben einen Kopf , ein Maul mit Zähnen, Nase und zwei Augen und Ohren, einen rundlichen Körper mit Fell, vier Pfoten, einen Schwanz. Erklären sie mal die verbleibenden Unterschiede, so wie ein kleines Kind sie feststellen würde. Sie werden feststellen, dass es doch einiger Überlegungen zusammen mit Versuchen in Anfassen und Hören sowie genauem Hinsehen bedarf, konkrete Unterschiede herauszuarbeiten, wie z.B. Hund bellt, Katze miaut, Katze kratzt, Hund beißt etc. .

Man erkennt deutlich, wie eng verknüpft die Entwicklung menschlicher Intelligenz mit dem intensiven Gebrauch von Sprache, Hören und Sehen verbunden ist. Bei behinderten Menschen, die z.B. blind sind, wird dies zum Teil durch die überdimensionale Ausbildung der restlich verbliebenen Sinne "Hören, Tasten, Fühlen etc." wieder kompensiert.

Mit etwa 3 Jahren haben Kinder schon einen erstaunlich großen Wortumfang von ca. 800 bis 1000 Worten. Im nächsten Schritt geht es dann darum kleine Sätze zu bilden mit Substantiven und Verben. Hier geben die unmittelbaren Bezugspersonen wie Eltern, Großeltern und ältere Geschwister durch intensives Sprechen und Erklären dem Kind notwendige sprachliche Motivation und Lernhilfe. Gerade auch in dieser Phase des kindlichen Lebens zeigt sich, wie abhängig die Entwicklung des Menschen von einem prägendem sozialen Umfeld und der Gesellschaft ist. In dieser Altersstufe wurde auch herausgefunden, dass das Lernen von Fremdsprachen wesentlich leichter fällt, als im späteren Schulalter. Dort geht dann später die Fähigkeit des Fremdsprachenlernens über das Lautsystem des Kleinkindes verloren. Die Kinder konzentrieren sich dann hauptsächlich auf Ihre Muttersprache. 

Ganz wesentlich für die kindliche Entwicklung in dieser Phase ist das Erlernen sozialer Kontakte mit anderen Menschen auch ausserhalb der Familie, insbesondere mit Gleichaltrigen. Hier setzen die Kindergärten mit ihrer vorschulischen, spielerisch kreativen Arbeitsweise an. Das Kind lernt mit anderen umzugehen, sich in die Gruppe einzuordnen und sich gegenüber anderen durchzusetzen, aber auch mit ihnen zusammen zu arbeiten, zu teilen und somit soziales Verhalten einzuüben. Manche KIndergärten übernehmen im Alter von ca. 5 Jahren auch die Rolle einer Vorschuleinrichtung und bringen den Kindern, die jetzt besonders lernfähig sind, z.B. erste Grundbegriffe für eine Zweitsprache bei, eine hilfreiche Vorleistung für die spätere Schulzeit.

 
 

 
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                                              Peter Paul Rubens: "Bildnis eines Kindes" (Ausschnitt)
3. Die Zeit als Schulkind

Der  nächste große Einschnitt im Leben von Anna und Alfred ist der Eintritt in die Schule. Hier werden die Grundlagen für den späteren Erfolg in Beruf und Gesellschaft erarbeitet. Sind die schulischen Leistungen gut, so wird manches im späteren Erwachsenenleben erleichtert und eine größere  innere Zufriedenheit durch die Erfolgsbestätigung stellt sich ein. Doch zunächst müssen  Anna und Alfred Lesen, Schreiben und Rechnen lernen, Dinge die kontinuierlich im Leben gebraucht werden.  In den Schulen werden zum Lesen und Schreiben lernen oft unterschiedliche didaktische Methoden eingesetzt. Zwei der Hauptrichtungen werden in bezug auf ihren Anwendungserfolg unterschiedlich bei den Kindern wirksam werden.

Manche Kinder lernen dabei das Lesen über den Weg des Schreibens, andere lernen nach dem sogenannten Spracherfahrungsansatz und einer ergänzenden Fibel, wo systematische Regeln der Zuweisung von Lauten zu Buchstaben erklärt werden. Wie auch immer  der  Erfolg beider Methoden beurteilt wird, wesentlich mitentscheidend für den Lese- und Schreiberfolg ihrer Kinder ist die Unterstützung durch die Eltern. Hierbei hat sich herausgestellt, dass die Lesemotivation der Kinder durch die Eltern wichtiger für den Erfolg der Kinder ist,  als die jeweils in der Schule eingesetzte Methode. Anna und Alfred werden deshalb intensiv von ihren Müttern als auch von den Vätern bei den Schreib- und Lesebemühungen unterstützt. Wie sieht es jedoch mit dem Rechnen lernen aus?

Wir wissen aus speziellen Forschungsarbeiten an Delfinen und Affen, dass diese ein rudimentäres Zählvermögen aufweisen. Diese Zahlenkenntnis weist daraufhin, dass hier eine neuronale kognitive Grundlage im Hirnbereich vorhanden sein muss.

Die neuronale Basis des Menschen zum Mathematikverständnis ist jedoch um ein Vielfaches komplexer strukturiert. Die Natur hat uns mit Verständnis mathematischer Elemente ausgestattet. So können wir z.B. die Größen von Mengen, Entfernungen und Räumen abschätzen. Selbst Babies können aufgrund neuer wissenschaftlicher Untersuchungen mit kleinen Zahlen z.B. 1 bis 3 umgehen und stellen fest, ob von drei Bällen einer fehlt, wenn etwas weg genommen wird. Dieser angeborene Zahlensinn sitzt  im sog. parietalen Cortex der rechten und linken Hirnhälfte und lässt uns besser schätzen als exakt rechnen. Jedoch ist es uns Menschen darüber hinaus nur möglich mit exakten Zahlen und mathematischer  Genauigkeit zu rechnen, wenn wir uns der Zahlensprache ( zunächst basierend auf dem Dezimalsystem) wie z.B. 3+4=7 bedienen. Da unser Gehirn für exakte und auch höhere Mathematik nicht von vorneherein eingerichtet ist, müssen andere Teile z.B. aus dem visuellen und / oder sprachlichen Teil im Rahmen komplexer Lernprozesse hinzugeschaltet werden.

Daher ist es wichtig im Mathematik-Unterricht für die Kinder alle Sinne zur Erfassung und Lösung von Aufgaben zu trainieren. Dabei wird schrittweise ein Übergang vom anschaulichen Rechnen z.B. mit den Kugeln des Abakus bis hin zum abstrakten Rechnen mit Zahlen und Symbolen (z.B. + oder - oder : oder .) vollzogen. Die Rechenregeln der Algebra, das Rechnen mit Prozenten und Brüchen, die Geometrie werden erlernt. Anna und Alfred sind daher ständig mit schwierigeren Aufgaben, die sie zu lösen haben, konfrontiert. Wichtig ist dabei, dass veranschaulichtes Rechnen  solange beibehalten wird, bis die Ebene der Abstraktion sicher erreicht wird. Auch hier können die Eltern mithelfen durch Unterstützung bei den Hausaufgaben, um den Erfolg der Kinder zu sichern. Wichtig ist auch, dass es gelingt den Kindern zu verdeutlichen, dass die hochkomprimierte Formelsprache der Mathematik im menschlichen Leben überall auftaucht und gebraucht wird, um komplexe, z.B. nicht durch Sprache darstellbare Zusammenhänge abzubilden. Erst dadurch ist weitgehend unsere technische Zivilisation entstanden. Motivation zur Mathematik entsteht, wenn lange Rechengänge zur richtigen Lösung führen und gute Zensuren den Erfolg belohnen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt im Schulleben ist die Kunsterziehung und der Musik-Unterricht. Hier werden die kreativen Fähigkeiten der Kinder gefördert. Vorhandene Fähigkeiten können über Zeichnen und Malen oder über Singen und Musikinstrumente gestärkt und vertieft werden. Diese Unterrichtsfächer bilden den Menschen ebenso wie die körperliche Ertüchtigung über den Sport-Unterricht. Den großen Schatz der Literatur und Geschichte gilt es den Kindern im Deutsch- und Geschichtsunterricht nahe zu bringen. Geografie und Sachkunde erweitern die Blickrichtung für Gesellschaft und Umwelt. So werden Anna und Alfred auf ein Leben in Gesellschaft und Beruf im Rahmen einer globalisierten Welt vorbereitet. 

Eine gänzlich andere Situation einer Lern- und Schulungsphase wird in der Science Fiction Erzählung ADAM auf Basis der Entwicklung künstlicher Intelligenz aufgezeigt.
 

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                                                                     Philipp Szenes: "Verlorenes Glück" ( Ausschnitt)

4. Die Zeit als Jugendlicher, Pubertät

Wir befinden uns jetzt an der Schnittstelle beim Heranwachsen der Kinder zu Jugendlichen im Alter von ca. 13-14 Jahren, in die die Zeit der Pubertät fällt. Hier wird eine wichtige Entscheidung für Anna und Alfred notwendig. Gehe ich in eine weiterführende Schulausbildung oder beginne ich eventuell eine gezielte Berufsausbildung? 

Da Anna Tiere liebt, hat sie sich vorgenommen Tierärztin zu werden. Sie möchte also Veterinärmedizin studieren. Alfreds Interessen liegen im technischen Bereich. Er ist sich noch nicht sicher, ob er eine Lehre in einem technischen Handwerksberuf erlernen soll, oder ob er nach einem Praktikum ein technisches Studium aufnehmen wird. Er benötigt noch etwas Zeit, um sich entsprechend zu orientieren. 

Gleichzeitig bricht der Geist und der Körper der jungen Menschen, gesteuert durch das Gehirn und seine Hormone in eine Periode von Gefühlsstürmen aus Leidenschaften, Sehnsüchten zu den neuen Ufern der Sexualität auf. Jetzt erst wird ihnen klar, was es bedeutet Mann oder Frau zu sein, Lust auf Zusammensein mit dem anderen Geschlecht zu empfinden. Aus Freundschaft kann Liebe werden. Es wird schwer für die jungen Menschen die Balance zwischen starken Gefühlen und der Verantwortung für die eigene Zukunft und eventuell sogar die Zukunft anderer Menschen zu halten.

Anna und Alfred spüren jetzt deutlich, dass in ihrem Körper große Veränderungen stattfinden. Über die Hypophyse (haselnußgroße Hirnanhangdrüse) wird durch die  zyklisch auftretende Ausschüttung des Hormons Genadotropin sowohl die weibliche als auch die männliche Sexualfunktion in Gang gesetzt.  Vorher hat sich bei  Anna das Becken verbreitert, das Folikelhormon Östrogen tritt jetzt in Zusammenhang mit dem Genadotropin in verstärkten Maße auf und stimuliert die weibliche Geschlechtsentwicklung. 

Bei einer späteren Schwangeschaft sind Östrogen und das Hormon Gestagen als schwangerschaftserhaltende Hormone anzusehen. Dies verhindert für die Dauer der Schwangerschaft weitere Folikelsprünge mit der Möglichkeit einer Neubefruchtung. Das Brustwachstum ist jetzt weit vorangeschritten. Bei Alfred vergrößern sich die Hoden, denn dort und in der Nebennierenrinde und der Leber wird das männliche Geschlechtshormon Testosteron gebildet. Sowohl Frauen als auch Männer stellen beide Hormone Östrogen als auch Testosteron in sehr unterschiedlichen Mengenverhältnissen her. Bei Frauen überwiegt der Östrogenspiegel und bei Männern der Testosteronspiegel. So steuert die Natur bei Frauen die Folikel- Bildung und bei Männern die Spermienproduktion.

Gleichzeitig mit dieser hormonellen und körperlichen Umstellung gehen auch geistig seelische Veränderungen, wie gröbere Mimik, disharmonische Motorik, labile Stimmungsschwankungen, Stimmbruch bei Jungen, Minderwertigkeitskomplexe und / oder übertriebenes Geltungsbedürfnis einher. All dies sind Vorläufer für ein sich festigendes Selbstbewußtsein des späteren jungen Erwachsenen.

Für die Eltern und ihre pubertierenden Kinder ist jetzt eine schwierige Zeit zu überwinden. Einerseits wünscht man sich als Eltern, dass die Jugendlichen im Überschwang der Gefühle nicht zu sehr auf ein Zusammensein mit dem anderen Geschlecht mit den bekannten Folgen einer zu frühzeitigen Bindung setzen. Andererseits steht bei den Jugendlichen der Wunsch nach Eigenverantwortung, Freiheit der Entscheidung und Auslebens der neuen Körperlichkeit und der jugendlichen Kräfte im Vordergrund. Dies führt in vielen Fällen zu schwerwiegenden Zielkonflikten zwischen beiden Seiten, bis hin zu einer Trennnung. In dieser Zeit des Experimentierens der Jugentlichen mit der eigenen Gefühlswelt und Körperlichkeit passt es auch, dass nach heutigem Erfahrungsstand Mädchen im Durchschnitt mit 16 Jahren und Jungens mit 17 Jahren zum erstenmal Geschlechtsverkehr haben.

Daher wird es immer notwendig sein, seitens der Erwachsenen und Eltern mit Geduld, Verständnis und Motivation einen Ausgleich zwischen den divergierenden Interessen zu finden. Auch Jugendliche sollten einsehen können, daß diese Zeit der Pubertät und Jugend begrenzt ist und man dannach als junger Erwachsener mit den Folgen der eigenen Entscheidungen und Handlungen konfrontiert ist. Dies gilt insbesondere dann, wenn man Verantwortung für zu früh gezeugte Kinder  und  den anderen, noch jungen Partner zu übernehmen hat. In unserem Falle trifft dies weder bei Anna noch bei Alfred zu.

Anna ist jetzt fest entschlossen, nach dem Schulabschluss Tierärztin zu werden. Sie wird nach dem Abitur ein Studium an der Universität aufnehmen. Alfred möchte erst nach Schulabschluß einen technischen Beruf erlernen. Er entschließt sich Kraftfahrzeugmechaniker zu werden. Gerade in den ersten Lehrjahren fühlt er sich jedoch von seinen Kollegen und Vorgesetzten herabgesetzt und die Anerkennung seiner Leistung bleibt ihm versagt. Einzig der Gedanke an ein Studium nach der Lehre lässt ihn nicht aufgeben und weiter durchhalten. Trotz der Belastung durch das zwischenmenschlich schwierige Verhältnis in seinem Lehrbetrieb gelingt ihm ein erfolgreicher Abschluß der Lehre . Nun steht dem Start in ein von ihm gewünschtes Fahrzeugbaustudium nichts mehr im Wege. Das Studium ermöglicht ihm in die Welt der Technik einzutauchen und seine mathematisch konstruktive Begabung zu entfalten.  


 

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                                                                                            I.N.A. Yaroshenko: "Portrait des Malers I.N. Kramskoi"

5. Die Zeit als Erwachsener

Ein junger Erwachsener sollte ein ein Mensch sein, der dazu neigt sich von seiner Jugendzeit und der damit verbundenen Phase der pubertären Unsicherheit zu lösen. Die Volljährigkeit und die angestrebte Verselbstständing mit anschließender Trennung vom Elterhaus sind Stationen auf dem Weg in einen neuen Lebensabschnitt. Es wird nach neuen Wegen des Erlebens und der Zielbestimmung gesucht. Der Wunsch nach Überschaubarkeit und Planbarkeit des Lebens steht jetzt öfter als früher im Mittelpunkt des Strebens. Man möchte als gefestigter Charakter mit eigenem Willen und eigenen Vorstellungen seinen Platz in der Gesellschaft erobern. Man ist bereit, mit hohem Einsatz Leistungen im Leben und in der Arbeit zu erbringen, um Anerkennung und Ansehen im Rahmen einer aufstrebenden und gesicherten Stellung im Beruf, in der Gesellschaft und auch in der Familie zu erreichen. 

Gefragt sind hierbei Kreativität, Eigenwille und  Durchsetzungsvermögen, um im Wettbewerb mit anderen zu bestehen. Wichtig hierbei ist für die meisten jungen Erwachsenen, einen Partner an der Seite zu finden, mit dem man in dieser Hinsicht gemeinsame Interessen und Ziele hat und sich trotz bestehender Unterschiede zwischen Frau und Mann versteht und ergänzt. 

Denn gerade jetzt ist es wichtig, in der Hochleistungsphase des Lebens als junger Erwachsener Erfolgserlebnisse einzufahren und mit der positiven Rückkopplung durch den Partner die Gemeinsamkeiten und den beidseitigen Erlebnis- und Gefühlsbereich so zu stärken, dass eine langfristige Bindung als Fundament für eine neue Familie entstehen kann.

Mit dem Wunsch nach eigenen Kindern auf einer gefestigten Familienbasis (sowohl materiell, als auch immateriell) wird dann die Grundlage für die nachfolgende Generation gelegt. Dies setzt jedoch voraus, daß man die eigenen gesetzten Ziele erreichen kann und man von den Eventualitäten des Lebens und den damit verbundenen Risiken und Schicksalsschlägen weitgehend verschont bleibt. Gesellschaftlich gesehen werden gerade in Deutschland Kinder sehr häufig als persönliches Risiko, gekoppelt mit Einschränkungen und materiellem Verzicht angesehen, daher stellt sich hier sich ein durchschnittliches Verhältnis von ca. 1,3 Kinder pro Frau ein. Ein Wert, der langfristig zur Bevölkerungsabnahme und Überalterung führt. 

Bei vielen Menschen läuft das Leben jedoch keineswegs so störungsrei und glatt ab, wie im Idealfall beschrieben. Es treten Rückschläge, Unwägbarkeiten und Mißerfolge auf, die auch einen jungen und lebensfrohen Erwachsenen bis ins Mark treffen können, ihn verunsichern und eventuell aus der Bahn werfen. Er sieht seine Lebensziele von heute auf morgen infrage gestellt und muß sich der Herausforderung stellen, auf neue und unbekannte Lebenssituationen flexibel und kreativ zu reagieren.  

In unserem Beispiel von Anna und Alfred läuft das Leben ebenfalls nicht in den geraden Bahnen ab, die sich beide ursprünglich für ihre Zukunft vorgestellt hatten. Zunächst haben sich Anna und Alfred  mit ca. 17 Jahren zufällig kennen gelernt. Für  Anna und Alfred war es erst nur Freundschaft, unterbrochen von kurzlebigen Liebesabenteuern mit anderen Partnern. Jetzt mit 20 Jahren ist es für beide jedoch die richtig große Liebe geworden. Sie sind bis über beide Ohren verliebt und wünschen sich so oft wie möglich ein Zusammensein. Kein Wunder das das Studium der beiden darunter leiden muß. Überwältigt von der Dominanz ihrer Hormone über Körper und Geist, vergessen Sie fast ihre Umwelt und leben wochen- und monatelang nur sich selbst. 

Jeder sieht im anderen die Idealgestalt des langerhofften Lebenspartners und gibt sich seinen Gefühlen für den anderen fast kritiklos hin. Sie erleben im Zusammensein, gesteuert von ihren Sexualhormonen und ihrer Libido in ihren Gehirnen einen Gefühlsrausch  nach dem anderen, der letzlich im Höhepunkt des Orgasmus seinen Abschluß findet. 

Im Höhenflug ihrer romantischen Liebe wollen sie dennoch auf Dauer nicht völlig den Boden unter den Füßen  verlieren und wenigstens hin und wieder in die Realität zurück kehren. Da sie ohne berufliche Grundlage noch keine Kinder zeugen wollen, steht die Frage der Verhütung als erste Herausforderung in dieser Liebe mit im Vordergrund. 

Es bleibt den beiden überlassen, wie sie damit umgehen. Jedenfalls nimmt Anna die Pille, weil sie  ihr Studium erfolgreich abschließen möchte. Alfred unterstützt sie darin und will ebenfalls sein Ingenieurstudium zum Abschluß bringen. Sie genießen intensiv diese Zeit ungestörter Zweisamkeit. Da man von Liebe alleine nicht existieren kann, nehmen sie ihr Studium wieder intensiver auf. Anna schließt ihr Studium als Veterinärmedizinerin erfolgreich ab und tritt in eine Tierarztpraxis ein um berufliche Erfahrung zu sammeln.  Nach erfolgreichen Abschluß seines Ingenieurstudiums sucht Alfred sich einen neuen beruflichen Wirkungskreis in der Automobilindustrie. Anna und Alfred haben jetzt, da sie eine berufliche Grundlage erreicht haben, im Kreise ihrer Familie geheiratet. Der Hochzeitstag war ein großer Tag im Leben der beiden. Sie gaben sich vor ihren Eltern, den Verwandten und Freunden ihr Ja-Wort.

Anna hat sich mittlerweile an der Tierarztpraxis in der sie arbeitet mitbeteiligt, da die Praxis nach anfänglichen Schwierigkeiten und nach Ausrichtung auf die Reit- und Pferdebranche gut läuft.  Anna und Alfred befinden sich jetzt im Alter von etwa 30 Jahren auf dem Höhepunkt ihres familiären und beruflichen Lebens. Da sie zurzeit keine gesundheitlichen Probleme haben, genießen sie ihr Leben in vollen Zügen. Nun steht auch einem Kinderwunsch nichts mehr im Wege. Anna und Alfred haben einen kleinen Sohn bekommen. Er ist der Stolz der ganzen Familie.

So wie ihnen Beruf und Familie Zeit lassen, wird gereist und gefeiert. Ihre Urlaubsreisen zeigen ihnen die positiven aber auch die negativen Seiten der Touristik-Welt auf. Sie bereisen die Länder der europäischen Union und unternehmen mit ihrem nunmehr 5 jährigen Sohn auch einige Reisen in afrikanische Länder. Sie sehen sie mittlerweile aber auch Schattenseiten des Lebens in der dritten Welt wie z.B. Tropenkrankheiten, Hunger und Armut. Vorallem das Elend der vielen Kinder in der dritten Welt hat sie nachdenklich gestimmt und sie engagieren sich für das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, UNICEF, das sie mit Spenden unterstützen.

Alfred ist jetzt 36 Jahre alt und ist auch mittlerweile beruflich weitergekommen. Er leitet in seiner Firma eine Abteilung für Motorenforschung und geht neue Wege für den Einsatz von Alternativkraftstoffen im Automobilbereich. In diesem Zusammenhang trifft er des öfteren mit Forschern aus anderen Firmen und Instituten zusammen, die an der Weltklimaproblematik arbeiten. Er arbeitet sehr engagiert am Einsatz und der Weiterentwicklung von Biokraftstoffen, von denen er sich im Verkehrsbereich eine Entlastung in der CO2- Problematik verspricht.

Für Anna und Alfred ist mit der Einschulung des kleinen Sohnes ein wichtiger Meilenstein erreicht.  Annas und Alfreds Eltern sind jetzt als Großeltern gefragt, die ihren Enkel auch auf seinem zukünftigen Weg unterstützen wollen. Für Anna und Alfred haben bis jetzt, wo sie mittlerweile ihr 4. Lebensjahrzehnt mit dem Aufziehen des Kindes und dem Stabilisieren ihrer Berufskarriere verbracht haben, keine größeren Schwierigkeiten bestanden. Der Sohn ist jetzt als Jugendlicher in der Pubertät und steht seinen Eltern manchmal kritisch gegenüber, das verursacht Reibereien in der Familie. Anna versucht die aufkommenden Spannungen wie z.B. zum Thema Berufswahl und Ausbildung zwischen Vater und Sohn auszugleichen.

Alfred ist jetzt 50 Jahre alt und hat Ärger mit seinem Chef. Als Leiter der Forschungsabteilung für Motorenforschung erlebt er gerade einen beruflichen Zielkonflikt. Die Zielvereinbarung für die Forschungsabteilung sieht unter anderem vor, dass neben neuen kraftstoffsparenden und abgasarmen Motoren für die kleinen und mittleren Modellreihen die Modellreihen für die Oberklasse Fahrzeuge neue Motoren mit hoher Leistung und sportlichem Fahrverhalten erhalten sollen. Vorallem stehen die sogenannten Geländewagen im Blickpunkt des Interesses, da sie sich zurzeit gut verkaufen dank der starken Werbung. Jeder in der Firma weiss, dass diese Fahrzeuge wahre Treibstoff-Fresser sind. Ihrem hohen Verbrauch und ihren immensem Abgas- Ausstoß ist nur schwer beizukommen.

Da diese Fahrzeuge bei einem Großteil der  Kundschaft beliebt sind,  lautet die Zielvorgabe einen erheblichen Anteil der Forschungsmittel in dieser Klasse langfristig als Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt zu investieren. Alfred hat entschiedene Bedenken die knappen Forschungsgelder hier zu bündeln und die Mittel- und Unterklasse- Motoren damit schlechter zu stellen. Er weist auf die zukünftigen Umweltstandards und auf die sich immer stärker abzeichnende Klimaproblematik hin und dass das Geld besser in der Erforschung  alternativer Kraftstoffe angelegt wäre. Die Marketingabteilung und der Vorstand sehen jedoch in der Absicherung des gerade jetzt beim Kunden gut eingeführten Geländewagenkonzeptes ihre strategische Priorität.

Alfred gibt den Kampf für seine Ziele jedoch nicht auf und sucht innerhalb und auch ausserhalb der Firma Verbündete um seine Position zu stärken. Da dies bei seinen Vorgesetzten nicht auf fruchtbaren Boden fällt, macht er sich in der Firmenhierarchie Feinde.  Dies bleibt langfristig nicht ohne Folgen.
Die Firmenleitung beschließt Alfred seines Postens zu entheben und ihn im Bereich des Kundendienstes in die Beschwerdeabteilung zu versetzen. Obwohl er sich trotz seines jetzt erreichten Alters von nunmehr 60 Jahren sehr engagiert hat und die Forschungsabteilung unter seiner Leitung immer ein Vorzeige-Projekt der Firma war. Er fühlt, dass diese Entscheidung nicht nur wegen seines Umweltengagements gefällt wurde, sondern dass jüngere dem Vorstand geeigneter erscheinende Kandidaten zum Zuge kommen sollten. Sein Selbstbewusstsein und sein Ansehen in der Firma haben hierunter stark gelitten. Der hieraus resultierende persönliche Stress wirkt sich bei ihm auch im privaten Bereich aus.  

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                                                                                                       Christian Seybold: "Eine Alte mit grünem Kopftuch"

6. Die Zeit des aktiven Alters

Die ungeliebte Tätigkeit sich bis zum 65. Lebensjahr mit nörgelnden und verärgerten Kunden herumschlagen zu müssen und keinen Beitrag mehr zu positiven technologischen Weiterentwicklungen leisten zu können, drücken schwer auf sein Selbstverständniss. Daher ist auch zu hause die bisher bestehende Familienharmonie gestört.  Wenn er abends müde nach einem Tag voller Ärger nach hause kommt, fehlt ihm einfach die Spannkraft und Energie sich noch
den Problemen seiner Familie zu widmen, wie zum Beispiel mit seiner Anna das Wochenende planen, im Haushalt mit zu helfen etc..

Auch stellen sich erste größere gesundheitliche Probleme ein. Ein Gang zum Augenarzt zeigt ihm ein  Glaukom ( grüner Star ) auf, das unbedingt operativ behandelt werden muß. So muß er sich noch kurz vor dem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben einer Augenoperation unterziehen.
Die Operation kann nicht verhindern, dass eine nicht unerhebliche Sehstörung zurückbleibt, die ihm nicht mal mehr erlaubt Auto fahren zu können. Sein Gehirn muß nunmehr besondere Arbeit leisten um die von den Augen kommenden unvollständigen Bildinformationen mit " Phantasie" und Erinnerungsvermögen so zu ergänzen, das sich dennoch ein für ihn interpretierbares Gesamtbild von seiner Umgebung ergibt. Er bemerkt jetzt auch, dass das Hören von hohen Tönen bei der Aufnahme von Geräuschen, Gesprächen und Musik nachgelassen hat.

Dies trübt auch seine Stimmung bei der Abschiedsfeier zu seinem 65. Lebensjahr in der Firma, dem letzten großen Einschnitt zum Beginn des Lebensabends. Er muß sich doch vielmehr als früher konzentrieren, um alles mitzubekommen, was um ihn herum geschieht. Alle sind noch einmal zusammengekommen, um ihm für sein berufliches Engagement zu danken. Dies ist ein völlige Umstellung seines Lebens und er muß sich nunmehr auf ein doch sehr anderes Dasein als Rentner ohne beruflichen Inhalt einstellen. Dank der Tatsache, dass er neben seiner staatlichen Rente noch über eine gute Firmenrente verfügt, ist er wenigstens im Alter gut abgesichert. Sorge machen ihm jedoch die ständigen Experimente der Politiker mit der Gesundheits- und Rentenreform. Er beschließt daher, sich jetzt, da er mehr Zeit hat, politisch zu engagieren und tritt in eine der großen Volksparteien ein.  Er merkt jedoch, dass es kaum möglich ist, als Rentner über diesen Weg Einfluss auf drängende Fragen der Zeit zu nehmen.

Er hat sich vorgenommen, solange ihm seine sehgeschädigten Augen dies ermöglichen, kleine und auch größere Reisen in Deutschland und im europäischen Ausland zu unternehmen. Anna ist eine gute Autofahrerin und fährt ihn an die gemeinsam ausgesuchten Orte in Bayern, Österreich und Frankreich. Er genießt sowohl das städtische Leben, als auch die Stille und Ruhe der europäischen Gebirgs- und Küstenlandschaften. Weitere Reisen wie z.B. auf die kanarischen Inseln werden mit dem Flugzeug unternommen. So lernt er die Teile der Welt kennen, die er aus zeitlichen Gründen  während seiner Berufszeit nicht bereisen konnte. Es hat sich dabei ein bestimmter Rythmus zwischen Reisetätigkeit und häuslicher Erholungszeit gefunden, der ihm und Anna eine neue Lebensqualität bedeutet.

Eine weitere Leidenschaft von ihm bildet das Hören klassischer Musik. Von Bach bis  Schubert spannt sich der Bogen seines Musikgenusses. Wobei die Höhepunkte sinfonische Werke, Kirchenmusik, Opern und Kammermusik bilden. Zur einfachen Entspannung hört er jedoch auch gerne mal ab und zu Pop und Schlagermusik. Mit seiner Frau Anna geht er auch hin und wieder in eine gute Theateraufführung. Alfred hat neben seinem musikalischen auch ein malerisches Talent bei sich entdeckt und Anna widmet einen Teil ihrer Freizeit dem sozialen Engagement in dem sie Besuche von alten und Kranken im Rahmen eines ehrenamtlichen Betreuungsprojektes durchführt. Annas und Alfreds Verständnis eines aktiven Alters schließt auch das soziale Engagement im Freundes-  und Bekanntenkreis ein, man trifft sich und hilft einander, auch wenn Krankheiten und Schicksalsschläge drohen.

Anna möchte gerne in der Tierarztpraxis bis zum 70. Lebensjahr zumindest teilweise weiterarbeiten. Ihr reichhaltiger Erfahrungsschatz hilft ihr dabei, im fortgeschrittenen Alter von 65 Jahren ihren Beruf auch jetzt noch auf Teilzeitbasis auszuführen. Negativ für Anna ist jedoch, dass sie unter Arthrose leidet, die sie manchmal an der Ausübung ihres Berufes hindert. Wie gut ist es da, dass ihr Sohn mittlerweile ebenfalls Veterinärmedizin studiert hat und daher für sie einspringen kann. Er wird nach dem Ausscheiden seiner Mutter deren Anteil an der Praxis übernehmen.  Den zwischenzeitlichen Tod der Eltern und Schwiegereltern innerhalb der letzten  fünf Jahre haben Anna und Alfred nur schwer verkraftet. Sie fehlen ihnen als aktive Vertreter der vorhergehenden Generation mit ihrer Mitmenschlichkeit, Zuverlässigkeit und Erfahrung.


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                                                                                                                  Rembrandt Harmensz van Rijn: "Selbstbildnis"
 

7. Die Zeit des Verfalls und der Tod

Auch Alfred leidet sehr unter dem unerwarteten Verlust seiner Eltern und fühlt sich das erste mal sehr nahe mit dem Tod konfrontiert. Frau und Sohn versuchen ihn aufzumuntern, in dem sie immer wieder versuchen, ihm Lebensmut zu geben. Dennoch braucht es lange Zeit für Alfred diesen schweren Schicksalsschlag zu verarbeiten.

Nach den Strapazen einer langen gemeinsamen Südostasienreise im Alter von nunmehr 78 Jahren kann sich Alfred nicht mehr so recht erholen. Er fühlt sich müde und ausgebrannt, oft ist ihm unwohl. Nachdem sich nach einigen Wochen zu hause keine Besserung einstellt, entschließt er sich doch zu einem Arztbesuch.  Sein Arzt teilt ihm nach einer gründlichen Untersuchung einschließlich Blutanalyse mit, dass er ihn ins Krankenhaus zur genauen Abklärung des Zustandes seiner Leber überweisen muß. Hier wird er im Universitätsklinikum völlig auf den Kopf gestellt, es werden Computertomogramme und Magnetresonanztomogramme angefertigt. Die Ärzte bereiten ihn vorsichtig darauf vor, dass er ein Leberkarzinom hat, das auch noch Tochtertumoren an verschieden anderen Stellen ausgebildet hat.  Man erwägt dennoch eine Operation mit anschließender Chemotherapie und Bestrahlung.

Die Operation hat er soweit überstanden, aber die Chemotherapie in Verbindung mit der Bestrahlung haben sein Immunsystem stark geschwächt. Jetzt, wo er gerade 78 Jahre alt geworden ist, teilen ihm die Ärzte mit, dass er den Kampf gegen die Tumore in seinem Körper verloren hat.
Man räumt ihm noch eine Restlebenszeit von 3 bis 6 Monaten ein. Alfred hat daraufhin den Kampf gegen seine Krankheit aufgegeben. Zusammen mit der Unterstützung von Anna und seinem Sohn stellt er sich auf seinen Tod ein und regelt, was noch zu regeln ist.

Vater und Sohn treffen sich an einem Abend zu Hause und diskutieren darüber, was das Leben und der Tod bedeuten können. Alfred erklärt seinem Sohn, das es gut ist, dass das Leben des einzelnen Menschen auf diesem Planeten begrenzt ist. Es komme ihm , Alfred, manchmal so vor, als ob alles in der Natur und im Kosmos von einem komplexen, allmächtigen und planenden Geist gesteuert würde. Wir erleben uns mit unserem Gehirn eigentlich selbst nur während der Bewußtseinsphasen zwischen der Zeitspanne von Geburt bis zum Tod. Dannach wird der Faktor Zeit für uns aufgehoben und unsere Lebensenergie verfliegt. 
( Ein Treffen von Vater und Sohn wird aus einer völlig anderen Perspektive in Chrononauten erzählt. )


Alfred war nie ein religiöser Mensch, aber jetzt, wo sein Ende sichtbar naht, macht er sich Gedanken über sein Leben und darüber was nach seinem Tod sein wird. Es ist Frühling draussen, er erlebt noch einmal einen schönen Sonnentag in seinem Garten, den er immer sehr geliebt hat. Alles um ihn herum blüht und gedeiht, ein leichter warmer Frühlingswind weht durch die Bäume. Selbst mit seinen geschädigten Augen sieht er mit Hilfe seines konstruktiv ergänzenden Gehirns noch viele Farben. Er bewundert die Kraft der Natur, die alles so grünen und wachsen lässt. Ihm wird schlagartig klar, dass dies sein letzter Frühling ist und er den Sommer womöglich nicht mehr erleben wird.

Er merkt plötzlich eine Veränderung an seinem Körper, seine rechte Körperhälfte scheint wie gelähmt zu sein. Ein Schlaganfall hat seine linke Hirnhälfte getroffen und blockiert.  In großer Sorge benachrichtigt Anna den Notarzt. Er kommt wieder in die Klinik. Diesmal wird versucht das Blutgerinsel in seinem Gehirn mit speziellen blutverdünnenden Medikamenten aufzulösen. Die Lähmungserscheinungen bleiben jedoch weitgehend zurück. Die Schädigung seines Gehirns ist wohl irreparabel. Er ist zum Pflegefall geworden. Mit der noch funktionierenden linken Hand schreibt er auf, dass er seine letzten Tage zu hause im Kreise seiner Familie verbringen möchte.

Anna pflegt ihn trotz ihrer schleichend beginnenden Demenz mit Unterstützung eines Pflegedientes aufopferungsvoll. In den letzten zwei Wochen ist auch sein Sohn so oft bei ihm, wie seine freie Zeit es erlaubt. Der Hausarzt und die Krankenpflegerin versuchen, ihm seine letzten Tage so schmerzfrei wie möglich zu gestalten.  Sie können jedoch nicht verhindern, dass eines Abends ein weiterer Schlaganfall ihn nunmehr tödlich trifft. Alfred hat ausgelitten, sein Geist hat sich von seinem Körper gelöst. Ein Menschenleben ist im Kreislauf von Geburt, Leben und Sterben zu Ende gegangen.

Anna kann den Verlust von Alfred in den ersten Jahren ihrer verbleibenden Lebenszeit kaum verwinden. Erst die fortschreitende Demenz in ihrem Gehirn lässt ihre Erinnerung und ihre damit verbundenen Gefühle immer weiter verblassen. Eine zusätzliche Herzschwäche verstärkt die Krankheit durch mangelnde Hirndurchblutung so stark, dass sie das Ende ihres Lebens in einem Hospiz verbringen muß. Hier schläft sie im Alter von 83 Jahren bei einem plötzlichem Herztod friedlich ein.


8.  Zusammenfassung

Die folgenden beiden Grafiken fassen in stark vereinfachter Form das in diesem Kapitel Gesagte im Sinne einer exemplarischen „Normalbiographie“  zusammen :
1. Bild
Lebensphasen und bedeutende Ereignisse:





2.Bild
Aufbau und Verlust von gehirnabhängigen Fähigkeiten in den Lebensphasen: